Archiv der Kategorie: Filme

Amer – Im Rausch der Bilder

Amer Cover Deutsch
Ich habe gestern einen seltsamen Film gesehen. “Amer” war der Titel. Da ich nicht völlig unvorbereitet an den Film herangegangen bin, wusste ich immerhin, dass er aus Belgien/Frankreich stammt und eine Liebeserklärung der Regisseure, Hélène Cattet und Bruno Forzani, an die alten italienischen Gialli darstellen sollte.

Eine kurze Einleitung: Gialli sind ein eigenes Subgenre des Thrillers, welches sich in den 60ern in Italien entwickelte. In einem Giallo geht es meist um einen Mordfall, wobei die einzelnen Morde und die Atmosphäre in den Mittelpunkt gerückt und durch stilistische Einfälle überhöht und sexuell aufgeladen werden. Es besteht eine Nähe zum Groschenroman (Krimi), der in Italien einen gelben Einband hat und daher den Gialli ihren Namen gab: Giallo heißt Gelb.

Seine Blütezeit erlebte der Giallo in den 70ern. Interessant sind Gialli, über ihren eigenen Reiz für Filmfans hinaus, weil sie als Vorläufer des amerikanischen Slasherfilms gelten, welcher wiederum einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Horrorfilme bis in die heutige Zeit hinaus hat.

Es fällt schwer, bei “Amer” von einer eigentlichen “Handlung” zu sprechen, aber der Film ist ziemlich klar in drei Teile gegliedert, die sich jeweils einer Station im Leben einer Frau widmen. Im ersten Teil erlebt sie als Kind eine alptraumhafte Nacht im Haus der Eltern, kurz nach dem Tod des Großvaters. Im zweiten Teil beschäftigt sich “Amer” eher assoziativ mit ihrer erwachenden Sexualität. Im dritten und letzten Teil kehrt sie ins Haus ihrer Eltern zurück, vielleicht, um sich ihrem dort erlittenen Trauma zu stellen.

“Amer” beeindruckt nicht durch Handlung oder Erzählstruktur, sondern durch Ästhetik. Wer jemals einen Giallo gesehen hat, wird von Beginn an viele verwendete Stilmittel wieder erkennen. “Amer” bietet hier das volle Programm: Scharfe Zooms, seltsame Perspektiven, Farbfilter, Weichzeichner, Wackelkamera. “Amer” bietet Fans des Giallo alles, was das Herz sich wünscht und das direkt von Beginn an. Die Kamera ist oft ultranah am Geschehen und den Charakteren, ganze Dialoge lang sieht man nur die Augen der Protagonisten. Gesprochen wird aber sowieso kaum. Fast alles wird über Bilder und Stilmittel vermittelt.

Dem einen oder anderen mag das zuviel sein, zumal es, wie schon angemerkt, keine stringente Handlung gibt, die all diese Effekte zusammen hält. Über die Hauptfigur wird ein dünner roter Faden geliefert, aber dem zu folgen, bleibt dem Zuschauer überlassen. Wer sich drauf einlässt, erlebt zwei großartige Stunden voll visueller Schönheit und Verstörung. Sehr retro und sehr arthousig.

Die deutsche DVD ist gut ausgestattet. Bei der Synchronisation kann man bei einem Film wie “Amer”, in dem wenig gesprochen wird, nicht viel falsch machen. Ich habe den Film sowohl Original mit Untertiteln als auch in der deutschen Übersetzung gesehen und ein Unterschied ist kaum spürbar. Zusätzlich zum Film hat man noch ein paar Kurzfilme von Cattet und Forzani auf die DVD gebrannt. Diese sind teils noch viel seltsamer als “Amer”, aber durchaus sehenswert. Außerdem liegt ein ausführliches Booklet bei. Trotz des recht großen Umfangs hält sich der Erkenntnisgewinn allerdings in Grenzen. Labels wie “Kino Kontrovers” oder “Bildstörung” bieten hier doch deutlich bessere Essays zum Film. Sei es drum, besser als die meisten DVDs schneidet “Amer” bei der Ausstattung allemal ab.

Das Gute an “Amer”: Man weiß ziemlich schnell, ob man für den Film gemacht ist oder nicht. Wer nach zwanzig Minuten noch nicht entnervt abgebrochen hat, dürfte auch bis zum Ende gefesselt werden. Wer Wert auf Handlung legt oder wem die Ästhetik und die Fülle an ausgefallenen Ideen visueller Natur nicht zusagt, dürfte bereits die ersten Minuten als sehr anstrengend empfinden.

Leben und Tod einer Pornobande & A Serbian Film: Ein serbisches Double-Feature

A Serbian Film Cover
Serbisches Kino ist offenbar im Kommen. Erst wurde “A Serbian Film” (Originaltitel: Srpski Film) vom Regieneuling Srdjan Spasojević vor allem im Netz und bei Festivals ordentlich abgefeiert oder verrissen und beides nicht ganz zu Unrecht, auch wenn man um die deutsche Kaufversion tunlichst einen großen Bogen machen muss, weil die bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschnitten wurde.

Das tolle Label “Bildstörung” hat sich um die DVD-Veröffentlichung eines weiteren serbischen Autorenfilms aus dem Jahr 2009 gekümmert: “Leben und Tod einer Pornobande” (Originaltitel: Zivot I Smrt Porno Bande) von Regisseur Mladen Ɖorđević. Wieder liest man von allerlei Grenzüberschreitungen. Also konnte ich nicht widerstehen und habe mir den Film mal angesehen und mit “A Serbian Film” verglichen, um euch erzählen zu können, ob es sich lohnt, das serbische Kino zukünftig ebenso im Auge zu behalten, wie das beim spanischen oder französischen schon die Regel ist.

Leben und Tod einer Pornobande Cover

Die Story von “Leben und Tod einer Pornobande) in aller Kürze und einigermaßen spoilerfrei: Ein junger Regisseur will einen Film drehen, kriegt dafür aber das Geld nicht zusammen. Ein Bekannter überzeugt ihn davon, erst einmal Pornos zu drehen, um sich über Wasser halten zu können. Dem Regisseur kommt eine Idee: Pornotheater – das wär was! Also trommelt er ein paar Darsteller zusammen, aber der erste Auftritt scheitert grandios. Die Polizei greift ein und die Truppe beschließt, Belgrad biete nicht das richtige Publikum für ihre progressive Kunst. Also macht sich die “Pornobande” in einem hippiemäßig anmutenden Gefährt auf die Fahrt durch Serbien, damit endlich auch die Landbevölkerung in den Genuss ihrer Kunst kommen kann. Das läuft zwar insgesamt nicht ganz so desaströs, auch wenn sie manchmal aus Dörfern verjagt werden, aber Geld verdienen lässt sich so immer noch nicht. Da kommt “Franz”, ein Deutscher, mit einem unmoralischen Angebot auf sie zu: Sie könnten doch “Snuff-Theater” machen. Ein paar reiche Geldgeber in Europa und den USA würden für solche Filme viel Geld bezahlen und Freiwillige gebe es auch schon. Mehr oder weniger schweren Herzens willigen die jungen Menschen ein und das Drama nimmt seinen Lauf.

Zwischen “A Serbian Film” und “Leben und Tod einer Pornobande” bestehen einige Parallelen. In “A Serbian Film” bekommt ein abgehalfterter Pornodarsteller das Angebot, in Snuff-Pornos aufzutreten und darüber gerät sein Leben immer mehr aus den Fugen, bis alles in einem gewalttätigen Finale gipfelt. Beide Filme beschäftigen sich mit Pornografie und Gewalt und ihren düsteren Auswüchsen, wie “Snuff”, Pädophilie, Zoophilie, Vergewaltigung etc. In beiden Filmen wird Serbien als ein Land geschildert, in dem solche Dinge wie “Snuff” nicht nur möglich, sondern sogar einigermaßen verbreitet sind. “Snuff” als der neue heiße Scheiß im Porno und Serbien bei dieser Entwicklung an vorderster Front, allerdings ausgebeutet von Geldgebern aus dem reichen Westen.

Die enge Verbindung von Sex und Tod eint beide Filme, auch wenn sie im Detail sehr unterschiedlich an ihr Thema herangehen. “A Serbian Film” will in erster Linie schockieren und baut von Beginn an eine sehr düstere, nihilistische Stimmung auf, die später in Gewalttaten gipfelt, die ziemlich “over the top” sind. Zwar vergibt “A Serbian Film” hier ein paar Chancen, weil die Gewalt sehr grafisch dargestellt wird, die Effekte (wohl mangels großen Budgets, auch das eint beide Filme) aber nicht immer ganz überzeugen, insgesamt gelingt es jedoch gut, den Zuschauer zu irritieren und ihn abzustoßen.

Hingegen gibt es in “Leben und Tod einer Pornobande” durchaus beschwingte Episoden voll Heiterkeit. Während in “A Serbian Film” der Protagonist bereits desillusioniert ist, sind die Hauptpersonen in “Pornobande” zu Beginn noch jung und optimistisch. Über weite Teile funktioniert der Film auch als ziemlich schwarze Komödie, wie man sie unter anderem aus dem dänischen Kino bereits kennt. Dazu passt auch die Ästhetik, die pseudo-dokumentarisch bis teils amateurhaft daher kommt. Dogma lässt grüßen. “Leben und Tod einer Pornobande” ist, genau wie “A Serbian Film” recht freizügig, aber nie erotisch oder ernsthaft pornografisch. Die Darsteller zeigen viel Haut, aber nur die Männer ihre Genitalien. Es gibt ein paar Hardcore-Sexszenen (hetero- und homosexuell), diese wurden allerdings offensichtlich in den Film hereingeschnitten bzw. von einem Fernseher oder Magazin abgefilmt.

Aber “Leben und Tod einer Pornobande” ist kein Wohlfühlfilm. Im zweiten Drittel wird der Gewaltgrad deutlich gesteigert und dem Zuschauer werden ein paar unangenehme Bilder gezeigt. Die idealistischen Protagonisten geraten in eine Abwärtsspirale aus Tod und Gewalt. Im dritten Teil strebt dann alles zum durchaus konsequenten Ende hin.

Die verschiedenen Grundstimmungen der einzelnen Teile sind strukturell eine sehr gute Entscheidung. Wo “A Serbian Film” irgendwann Gewalt nur durch noch mehr Gewalt überbieten kann und dadurch letzlich etwas an Kraft verliert, wirkt die Gewalt nach dem eher humorvollen Beginn in “Leben und Tod einer Pornobande” unvermittelt und krass. Regisseur Mladen Ɖorđević macht aber nicht den Fehler, sich darauf allzusehr zu konzentrieren. Stattdessen widmet er sich den Auswirkungen, die diese Gewalt auf seine Charaktere hat. Eine gute Entscheidung.

Ist “Leben und Tod einer Pornobande” nun schlechter oder besser als “A Serbian Film”? Auch wenn ich mich dadurch vielleicht dem Vorwurf aussetze, es mir zu leicht zu machen, will und kann ich diese Frage nicht eindeutig beantworten. Trotz vieler Gemeinsamkeiten sind beide Filme sehr verschieden. Persönlich finde ich “Leben und Tod einer Pornobande” gelungener, Gorehounds werden eher mit “A Serbian Film” glücklich. Zumindest, wenn sie den Film importieren, die deutsche Version ist, wie gesagt, pure Abzocke und sollte auf gar keinen Fall erworben werden. Schade, dass der keinen Vertrieb gefunden hat, der den Film wirklich zeigen will, wie er ist. “A Serbian Film” würde gut zu “Kino Kontrovers” oder “Bildstörung” passen und die haben beide in der Vergangenheit bewiesen, dass sie auch Filme veröffentlichen können, die angeblich nicht zu veröffentlichen sind (Ein Kind zu töten, Salo-Die 120 Tage von Sodom).

Bildstörung bietet “Leben und Tod einer Pornobande” ungeschnitten im Original mit deutschen Untertiteln an. Die Doppel-DVD (FSK 18) bietet zahlreiche Extras (Interviews, Making-Of, Behind the scenes), wer also mehr über die Hintergründe des Films erfahren will, sollte sich diese Version zulegen. Man erfährt Einiges über die Schwierigkeiten des Filmemachens in Serbien, vor allem aus der Perspektive junger, unabhängiger Filmemacher und man versteht etwas besser, warum ausgerechnet aus Serbien im Moment solch eine Welle wütender, kontroverser Filme kommt. Glaubt man Ɖorđević, erwarten uns, wenn es gut läuft, zukünftig nämlich noch einige Independent-Perlen aus dem Balkan. Wir gewöhnen uns also besser schon einmal daran.

Cold Prey – Die Trilogie

“Cold Prey” (aus dem Jahr 2006, Originaltitel: Fritt Vilt) ist angeblich der erste Slasher aus Norwegen und quasi ein Proto-Slasher. Entbeint bis auf das absolut Nötigste: Eine Gruppe Teenager, ein irrer Mörder und ein abgelegenes Setting. Zu Beginn nimmt sich “Cold Prey” vergleichsweise viel Zeit, seine Charaktere einzuführen. Das zahlt sich aber mehr als aus, wenn die Action beginnt. Für einen Slasher bietet “Cold Prey” gute und vor allem nachvollziehbare Charakterisierungen. Gerade die Hauptdarstellerin bleibt im Gedächtnis und macht im Laufe des Films eine krasse Veränderung durch. Das verschneite Norwegen ist als Handlungsort noch einigermaßen unverbraucht. Der Mörder ist leider etwas unspektakulär geraten. Da ist man aus anderen Filmen Besseres gewohnt. Insgesamt ist “Cold Prey” ein sehenswerter Film für Slasherfans. Aber auch Fans anderer Genres können durchaus einen Blick riskieren.

Cold Prey Poster

“Cold Prey 2″ (2008) setzt da an, wo “Cold Prey” aufhörte, zieht die Spannungsschraube aber nochmal kräftig an. Getreu seinem deutschen Untertitel “Kälter als der Tod” ist “Cold Prey 2″ ein Spannungsfeuerwerk erster Güte, insgesamt bleibt der Film aber trotzdem flach. Mehr Thrillerelemente machen noch keinen Thriller. Außerdem verzichtet “Cold Prey 2″ ein bisschen zu oft auf den Realismus, der Teil 1 so gut gestanden hat. Der Zuschauer erfährt Neues über den Mörder. Leider macht ihn das nicht beängstigender, sondern eher zu einem typischen Slasher-Monster, wie man es schon zig mal gesehen hat: Wortkarg, übermenschlich stark, kaum totzukriegen und mit hoffnungslos verkorkster Kindheit. Wer “Cold Prey” mochte, wird mit “Cold Prey 2″ sehr glücklich werden. “Cold Prey” sollte man unbedingt gesehen haben, bevor man sich den zweiten Teil anschaut, da beide sehr eng zusammenhängen. Wenn man den ersten Teil nicht mochte, kann man sich “Cold Prey 2″ getrost sparen, man verpasst nicht viel.

“Cold Prey 3″ (2010) ändert alles. Zeit, Protagonisten, Setting, Stil, sogar Waffe und Aussehen des Killers. Was bleibt ist ein leidlich spannender Slasher ohne großartige Ideen, mit Löchern in der Logik, recht wenig Gewalt und manchmal ganz hübschen Landschaftsaufnahmen (die mich an “A Lonely Place To Die” erinnerten). Muss man nicht gesehen haben. Der Schluss ist vorhersehbar (da es sich bei “Cold Prey 3″ um ein Prequel handelt), aber gelungen. Wer einen spannenden Film sehen will, der in offener, bergiger und bewaldeter Landschaft spielt, sollte “A Lonely Place To Die” eine Chance geben. Der hat mich positiv überrascht.

Reykjavik Whale Watching Massacre


Island ist offenbar ein Garant für neue Herangehensweisen an Altbekanntes. Ob in Musik oder Politik, Isländer scheinen immer ein bisschen anders zu denken, als der Rest der Welt. Mit “Reykjavik Whale Watching Massacre” kommt nun ein waschechter Horrorfilm aus Island, der sich bereits im Titel mehr als deutlich auf einen Film bezieht, der in der Horrorgemeinde so etwas wie heilig ist: “Texas Chainsaw Massacre” von Tobe Hooper. Gelingt es “Reykjavik Whale Watching Massacre” von Regisseur Júlíus Kemp, der alten Prämisse “Gruppe wird von wildgewordenen Hinterwäldlern nach und nach dreckig niedergemetzelt” etwas Neues abzugewinnen?

Die Antwort ist Jein. Was dreckige Atmosphäre angeht, ist das Original unübertrefflich. “Texas Chainsaw Massacre” ist einer der wenigen Horrorfilme, die ich wirklich nicht gern ansehe. Keine leichte Unterhaltung, sondern es ist abstoßend, krank und pervers. Und es sieht auch so aus! Allerdings ist auch “Reykjavik Whale Watching Massacre” wirklich hässlich geraten. Zu Beginn wird der Zuschauer mit offenbar echten Aufnahmen konfrontiert, die den brutalen Alltag von Walfängern zeigen. Schauplatz des Geschehens ist die meiste Zeit ein alter rostiger Tanker. Das Setting: Ehemalige Walfänger jagen Umweltschützer und Touristen, seit sie keine Wale mehr jagen dürfen. Gefühlt lässt jeder Protagonist am laufenden Band rassistische und sexistische Kommentare fallen. Die Charaktere sind ambivalenter, um nicht zu sagen, unsympathischer angelegt als im Horror-Mainstream. In “Reykjavik Whale Watching Massacre” verhält sich jeder Charakter mindestens einmal abgrundtief scheiße. Die ganze Handlung beruht nur darauf, dass kein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Opfern aufkeimt, denn sonst könnten sie die drei als ziemlich schwachbrüstig dargestellten Bösewichte in unzähligen Situationen locker überwältigen und das Massaker wär vorbei. Stattdessen zerfleischen sich die Protagonisten gegenseitig, ja, bringen sich teils sogar um. Sie starten einen Alleingang nach dem Anderen und verarschen sich so auf Schritt und Tritt.

“Reykjavik Whale Watching Massacre” ist fast irritierend oldschool. Die “Moral” wird dem Zuschauer mit dem Holzhammer eingeprügelt. Man ärgert sich immer wieder über die dummen, egoistischen Charaktere. Passend dazu ist “Reykjavik Whale Watching Massacre” in punkto Morde und andere Sauereien dann auch deutlich kreativer, so dass der Zuschauer sich irgendwann kaum noch fragt, wer denn nun sterben wird, sondern nur noch, wie es passieren wird. Anteilnahme? Mitfiebern mit den Protagonisten? Fehlanzeige. Und nun, da der Zuschauer die Fehler der Charaktere quasi reproduziert, schließt sich der Kreis, was “Reykjavik Whale Watching Massacre” so betrachtet zu einem ziemlich schlauen und bösen kleinen Film macht. Eben ganz so, wie die Klassiker des Horrorgenres, an denen sich die Macher offensichtlich orientierten. Sehenswert!

Downloading Nancy – Death is like sucking pure oxygen

Gestern habe ich mir “Downloading Nancy” von Regisseur Johan Renck angeschaut. Der Film hatte 2008 auf dem Sundance Festival Weltpremiere. Hier der (englische) Trailer:

“Downloading Nancy” handelt von Nancy (Maria Bello), einer psychisch kranken Frau in einer unglücklichen Ehe mit dem kalten, gehemmten Alfred (Rufus Sewell). Nancy hat ein ungewöhnliches Verhältnis zu Liebe, Schmerz und Erniedrigung. Da Alfred auf diese Neigungen nicht eingehen kann, nimmt sie online Kontakt zu Louis (Jason Patric) auf, der sie umbringen soll. Aber Louis verliebt sich in Nancy.

Downloading Nancy Film Plakat

Nancy ist ein interessanter, aber auch extrem negativer Charakter. Maria Bello spielt diese einerseits leidende, andererseits apathisch wirkende Figur überzeugend. Ihr stellt Regisseur Johan Renck nun mit Alfred, dem Klotz und Louis, dem Psychopathen, zwei ebenfalls kaputte Charaktere zur Seite. Der Zuschauer erkennt schnell, dass keiner der beiden Männer Nancy wirklich wird helfen können.

Alfred liebt Nancy, aber er kann ihr nicht geben, was sie offenbar braucht. Zwischen Louis und Nancy kommt es mitunter zu kurzen Momenten, in denen sowas wie Nähe, Wärme aufkommt, aber sie resultieren aus Louis’ Sadismus und Nancys Masochismus. Nancy und Louis können sich für kurze Zeit gegenseitig runter ziehen. Mehr bleibt auch ihnen nicht.

Immer wieder wird Nancy in einer Therapiesitzung gezeigt und es wird klar, dass Nancys Probleme sehr ernst sind. Nancy ist nicht einfach unglücklich. Bereits seit ihrer Kindheit hat sie ein seltsames Verhältnis zur Liebe. Für Nancy ist Liebe gleich Schmerz. Wer sie liebt, tut ihr weh. Als Louis ihr einmal andeutet, dass er sich in sie verliebt hat und dass er sie vielleicht doch nicht töten möchte, rastet sie aus, weil sie sich von ihm betrogen fühlt. Die Therapie ist für Nancy keine Hilfe. Beteuerungen, alles würde besser werden, ziehen bei ihr nicht, weil sie nicht möchte, dass etwas anders wird. Sie hat bereits einen Plan: Sie ändert ihr Leben, indem sie es beenden lässt. Das ist ihr letzter Halt.

“Downloading Nancy” wirft Fragen auf. Was tut man mit einem Menschen, der sich in den Kopf gesetzt hat, sein Leben zu beenden? Kann man jemandem helfen, der keine Hilfe will? Sind Louis oder Alfred Täter oder ebenfalls Opfer? Vielleicht beides?

Ein Problem, das ich mit dem Film habe, liegt darin, dass er keine Antwort gibt, mit der sich etwas anfangen ließe. Der Film ist für ein böses Ende ausgelegt und wird, trotz zahlreicher Schnitte und Zeitebenen konsequent bis dorthin erzählt. Der Zuschauer gibt schnell jede Hoffnung auf. Hier leiden alle, wirklich jeder ist kaputt. Das ist schade. Ein kaputter Charakter wie Nancy könnte, konfrontiert mit “normaleren” Charakteren, noch mehr Tiefe aufbauen, Kanten zeigen, wirken.

Hier ist vor allem Alfred zu erwähnen. Rufus Sewell spielt gut, aber er spielt einen pedantischen, hilflosen und kalten Mann. Das hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Hätte man stattdessen einen liebevollen, warmen Alfred im Drehbuch gehabt, das Ergebnis wäre dasselbe: Nancy wäre unglücklich, weil sie nicht anders kann. Für die Geschichte wäre das kein Problem. Die Figur Nancy und auch die Aussage des Films, hätte aber profitieren können. Die Funktion des liebenden Gegenübers übernimmt stattdessen Louis, für manche Zuschauer mag das ein schlauer Kniff sein, ich empfinde diese Lösung als schwächer. Man mag Louis seine Liebe sogar abnehmen, aber sie ist noch klein. Mit Alfred verbindet Nancy hingegen ein halbes Leben. Hier lägen Möglichkeiten, scheinbares Glück und inneres Unglück brutalstmöglich aufeinander treffen zu lassen. Die wurden verschenkt.

Insgesamt ist “Downloading Nancy” ein Film mit guter Besetzung, grundsätzlich interessanter Handlung und simplem, aber sehr gutem Soundtrack. Ich mag Filme, die sich mit der dunklen Seite der menschlichen Psyche beschäftigen, ich scheue mich auch nicht vor verstörenden oder deprimierenden Filmen. Im Gegenteil, ich suche sogar aktiv danach. Vor “Downloading Nancy” würde ich allerdings trotzdem warnen. Dieser Film lässt einen entweder kalt oder er macht schlechte Laune. Die Frage ist, warum man sich das antun sollte, denn eine Botschaft vermittelt “Downloading Nancy” nicht. Es sei denn, man erkennt “Es gibt keine Hoffnung” als Lösung an. Dazu müsste man allerdings den Film gar nicht erst sehen. Empfehlen kann ich “Downloading Nancy” nur jenen, die dieser Widerspruch nicht stört oder die das Thema wirklich sehr interessiert. Auf mich trifft das, trotz all meiner negativen Anmerkungen, zu.

Deadgirl Review – Wollen wir den Zombie nicht behalten?

“Deadgirl” von Marcel Sarmiento und Gadi Harel ist ein US-amerikanischer Film aus dem Jahre 2008. Die Story in aller Kürze: Zwei Teenager finden in einem verlassenen Gebäude eine Frauenleiche. Schnell stellen sie fest, dass diese so tot doch nicht ist.

Deadgirl Poster

Hier der offizielle Trailer:

Gerade zu Beginn legt “Deadgirl” ein enormes Tempo vor. Es vergeht kaum eine Viertelstunde, bis die Jungs die Leiche finden. Sie geraten in Streit darüber, was sie nun tun sollen. Nach 20 Minuten erfahren wir, dass einer der beiden Jungs Sex mit der Leiche hatte und dass diese zwar nicht richtig tot ist, denn sie atmet und ihre Körper ist warm, aber nicht sterben kann. Zum Beweis schießt er ihr in die Brust. Fünf Minuten später ist das Geheimnis kein Geheimnis mehr und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Trotz der schnell voranschreitenden Handlung fühlt sich “Deadgirl” alles andere als hektisch an. Es ist im Gegenteil in weiten Teilen ein eher ruhiger Film,der nur hin- und wieder durch derbe Szenen schockt. Erinnert mich an “Donnie Darko”. Genau wie der Soundtrack. Musik wird spärlich eingesetzt und bleibt die meiste Zeit im Hintergrund. Wenn sie allerdings mal an prominenter Stelle einsetzt, klingt das wirklich 1:1 wie aus “Donnie Darko” übernommen. Hier wäre etwas mehr Eigenständigkeit wünschenswert gewesen.

“Deadgirl” ist ein seltsamer Bastard aus Zombiefilm und Coming-of-age-Geschichte. Der Film ist nicht subtil, auf platte Art und Weise aber ziemlich ambitioniert. Trotzdem fällt es schwer, sich eine große Zielgruppe für “Deadgirl” vorzustellen. Für beinharte Zombiefans und Gorehounds bietet der Film einfach zu wenig Zombies und Splatter. Wer aber Zombies und ekelhaften Szenen rein gar nichts abgewinnen kann, ist ebenfalls im falschen Film. Ein Vergleich mit George Romeros Frühwerk liegt nahe, wobei “Deadgirl” dieses Niveau kaum erreicht. Romero-Fans sind die Filmemacher aber mit einiger Sicherheit. Wer sich den Film vor allem anschaut, weil ihn die Message hinter all dem Zombiekram interessiert, wird ebenfalls enttäuscht werden, denn ehrlich: Viel hat der Film nicht zu sagen. Er ist ziemlich zynisch und transportiert fragwürdige Männer- und Frauenbilder. Kaum vorstellbar, dass jemand nach “Deadgirl” das Gefühl hat, eine tiefere Wahrheit erkannt zu haben.

Die Reviews bei IMDb.com sind eher verhalten. “Deadgirl” kommt im Schnitt auf 5,9 von 10 Punkten. So schlecht würde ich den Film nicht bewerten. Ich finde ihn durchaus sehenswert. Seinen eigenen Ansprüchen, etwas über den “Horror des Erwachsenwerdens” mitzuteilen, verfehlt “Deadgirl” zwar deutlich. Was aber gelingt, ist dem Zombiegenre eine neue Facette hinzuzufügen. Die Idee, sich einen Zombie zu “halten”, ist mir schon mehrmals begegnet, aber nie stand sie so im Mittelpunkt wie in “Deadgirl”. Für Fans des eher nachdenklichen Zombiefilms, die mal eine etwas andere Herangehensweise sehen wollen, spreche ich eine Empfehlung aus.

Dawning – Ein Horrorfilm, der viel der Fantasie überlässt

Gestern habe ich den amerikanischen Horrorthriller “Dawning” gesehen. Der Film von 2009 wird in der IMDb ziemlich verrissen. Ist er wirklich so schlecht?

Dawning Filmplakat Poster

Regisseur Gregg Holtgrewe wollte offenbar mit kleinem Budget einen gruseligen Film schaffen. Wenig Geld zur Verfügung zu haben, ist nicht zwingend schlecht. Oft macht die Not erfinderisch. So auch im Fall von “Dawning”?

Die Story ist schnell erzählt. Familientreffen in einem abgelegenen Landhaus. Spannungen brechen wieder auf. Plötzlich stürmt ein völlig verstörter und potentiell gefährlicher Unbekannter ins Haus. Die Geschichte bietet noch mehr, aber ich möchte nicht spoilern.

Geschmackssache ist, wie Holtgrewe die Geschichte erzählt, nämlich sehr langsam. Es wird viel geredet, die Konflikte zwischen den Charakteren stehen im Mittelpunkt des Films. Ihrer Reaktion auf Ereignisse gilt Holtgrewes Interesse, nicht den Ereignissen selbst.

Immer wieder werden die schlechten schauspielerischen Leistungen der Darsteller erwähnt. Diesen Punkt kann ich nicht ganz nachvollziehen. Insgesamt schaffen die Schauspieler es, dem Film einen verstörenden Kammerspieltouch zu geben. Das kann an ihrem Unvermögen liegen, für mich funktioniert der Film auf dieser Ebene aber eher wie ein Lynch- oder Shyamalan-Film. Eine gewisse Distanz oder Entfremdung zwischen Zuschauern und Protagonisten trägt zur Verstörung bei.

Kritik ist aber durchaus angebracht. So sind die Familienverhältnisse anfangs tatsächlich verwirrend, man weiß beispielsweise nicht, ob zwei der Protagonisten eigentlich ein Liebespaar oder Geschwister sind. Erst als explizit erwähnt wird, in welchem Verhältnis sie stehen, kann man die beiden einordnen. Das ist natürlich unschön.

Im Film tauchen übersinnliche Elemente auf. Diese werden aber sehr sparsam eingesetzt und machen sich oft nur durch gruselige Geräusche bemerkbar. Die Soundkulisse sowie die Musik von “Dawning” sind positiv hervorzuheben. Manchmal ist es schwer, zu entscheiden, ob ein bestimmtes Geräusch zum Soundtrack gehört oder nicht. Hier wäre ein sparsamerer Musikeinsatz an bestimmten Stellen wünschenswert gewesen. Ansonsten trägt der Sound aber viel dazu bei, Zuschauer des Films wirklich zu fesseln.

Optisch macht “Dawning” einen guten Eindruck. Der Film ist stylish, aber auf eine Art, die erkennen lässt, dass der Stil aus der Horrorkramkiste entliehen wurde. Mal erinnert “Dawning” an “Shining”, mal an “Lost Highway”, der Zuschauer assoziiert oft andere Filme. “Dawning” ist daher alles als Andere als innovativ, aber als Hommage verstanden, überzeugt er.

Außerdem sieht man dem Film in weiten Teilen nicht an, dass nur wenig Geld zur Verfügung stand. Dieser Trick gelingt durch großzügiges Weglassen unnötigen Ballastes. Fiese Monster, große Knalleffekte – all das gibt es in “Dawning” nicht. Ich fand das aber eher positiv, denn so muss der Zuschauer sich viele Dinge hinzudenken, vorstellen. Und ehrlich, die gruseligsten Szenen malen wir uns in unserer Fantasie aus.

Zum Ende. Nun ja, es wird teils behauptet, das Ende wäre kein Ende. Das ist nicht wahr. Das Ende ist sogar ziemlich abrupt und macht deutlich, dass hinter der etwas mäandernden, langsamen Erzählung von “Dawning” ein klares Konzept steht. Die Schwierigkeit ist, dass nicht klar wird, welches Konzept genau. Wer David Lynch kennt, wird damit kein großes Problem haben und sich an den Versuch machen, die Erzählung zu entschlüsseln. Wer einen klassischen Horrorfilm erwartet hat, der hatte mit “Dawning” wohl durchgehend wenig Spaß und wird vom Ende noch zusätzlich verärgert.

Überhaupt erinnerte mich vieles in “Dawning” an David Lynchs Filme. Wobei ich nicht sagen würde, dass “Dawning” auf einem Niveau mit, sagen wir, “Lost Highway” ist. Das wäre gelogen. Treffender wäre es, sich eine Art “Cabin Fever” trifft auf “Lost Highway” vorzustellen.

Ti empfiehlt: I love Alaska (Minimovie)

Grad dank der wunderbaren Anne Roth das Minimovie I love Alaska gefunden. Minimovies sind wohl Dokus, bestehend aus sehr kurzen Episoden, zwischen 3 und 7 Minuten. In dem hier wird die Lebensgeschichte einer Frau einzig und allein anhand ihrer Suchanfragen bei AOL erzählt. Über ihre Geschichte will ich gar nichts verraten, hört einfach zu und wundert euch, wie sich in eurem Kopf ein Bild von AOL- Nutzerin 711391 bildet (Hintergrund: Im August 2006 veröffentliche AOL versehentlich für 3 Tage die Suchanfragen von 650000 Kunden).

Hier der Trailer. Wenn ihr, wie gewohnt, unten rechts auf das “Youtube” klickt, könnt ihr das Video direkt bei Youtube öffnen. Dort findet ihr dann auch die insgesamt 13 Episoden in einer Playlist zusammengefasst.