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Leben und Tod einer Pornobande & A Serbian Film: Ein serbisches Double-Feature

A Serbian Film Cover
Serbisches Kino ist offenbar im Kommen. Erst wurde “A Serbian Film” (Originaltitel: Srpski Film) vom Regieneuling Srdjan Spasojević vor allem im Netz und bei Festivals ordentlich abgefeiert oder verrissen und beides nicht ganz zu Unrecht, auch wenn man um die deutsche Kaufversion tunlichst einen großen Bogen machen muss, weil die bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschnitten wurde.

Das tolle Label “Bildstörung” hat sich um die DVD-Veröffentlichung eines weiteren serbischen Autorenfilms aus dem Jahr 2009 gekümmert: “Leben und Tod einer Pornobande” (Originaltitel: Zivot I Smrt Porno Bande) von Regisseur Mladen Ɖorđević. Wieder liest man von allerlei Grenzüberschreitungen. Also konnte ich nicht widerstehen und habe mir den Film mal angesehen und mit “A Serbian Film” verglichen, um euch erzählen zu können, ob es sich lohnt, das serbische Kino zukünftig ebenso im Auge zu behalten, wie das beim spanischen oder französischen schon die Regel ist.

Leben und Tod einer Pornobande Cover

Die Story von “Leben und Tod einer Pornobande) in aller Kürze und einigermaßen spoilerfrei: Ein junger Regisseur will einen Film drehen, kriegt dafür aber das Geld nicht zusammen. Ein Bekannter überzeugt ihn davon, erst einmal Pornos zu drehen, um sich über Wasser halten zu können. Dem Regisseur kommt eine Idee: Pornotheater – das wär was! Also trommelt er ein paar Darsteller zusammen, aber der erste Auftritt scheitert grandios. Die Polizei greift ein und die Truppe beschließt, Belgrad biete nicht das richtige Publikum für ihre progressive Kunst. Also macht sich die “Pornobande” in einem hippiemäßig anmutenden Gefährt auf die Fahrt durch Serbien, damit endlich auch die Landbevölkerung in den Genuss ihrer Kunst kommen kann. Das läuft zwar insgesamt nicht ganz so desaströs, auch wenn sie manchmal aus Dörfern verjagt werden, aber Geld verdienen lässt sich so immer noch nicht. Da kommt “Franz”, ein Deutscher, mit einem unmoralischen Angebot auf sie zu: Sie könnten doch “Snuff-Theater” machen. Ein paar reiche Geldgeber in Europa und den USA würden für solche Filme viel Geld bezahlen und Freiwillige gebe es auch schon. Mehr oder weniger schweren Herzens willigen die jungen Menschen ein und das Drama nimmt seinen Lauf.

Zwischen “A Serbian Film” und “Leben und Tod einer Pornobande” bestehen einige Parallelen. In “A Serbian Film” bekommt ein abgehalfterter Pornodarsteller das Angebot, in Snuff-Pornos aufzutreten und darüber gerät sein Leben immer mehr aus den Fugen, bis alles in einem gewalttätigen Finale gipfelt. Beide Filme beschäftigen sich mit Pornografie und Gewalt und ihren düsteren Auswüchsen, wie “Snuff”, Pädophilie, Zoophilie, Vergewaltigung etc. In beiden Filmen wird Serbien als ein Land geschildert, in dem solche Dinge wie “Snuff” nicht nur möglich, sondern sogar einigermaßen verbreitet sind. “Snuff” als der neue heiße Scheiß im Porno und Serbien bei dieser Entwicklung an vorderster Front, allerdings ausgebeutet von Geldgebern aus dem reichen Westen.

Die enge Verbindung von Sex und Tod eint beide Filme, auch wenn sie im Detail sehr unterschiedlich an ihr Thema herangehen. “A Serbian Film” will in erster Linie schockieren und baut von Beginn an eine sehr düstere, nihilistische Stimmung auf, die später in Gewalttaten gipfelt, die ziemlich “over the top” sind. Zwar vergibt “A Serbian Film” hier ein paar Chancen, weil die Gewalt sehr grafisch dargestellt wird, die Effekte (wohl mangels großen Budgets, auch das eint beide Filme) aber nicht immer ganz überzeugen, insgesamt gelingt es jedoch gut, den Zuschauer zu irritieren und ihn abzustoßen.

Hingegen gibt es in “Leben und Tod einer Pornobande” durchaus beschwingte Episoden voll Heiterkeit. Während in “A Serbian Film” der Protagonist bereits desillusioniert ist, sind die Hauptpersonen in “Pornobande” zu Beginn noch jung und optimistisch. Über weite Teile funktioniert der Film auch als ziemlich schwarze Komödie, wie man sie unter anderem aus dem dänischen Kino bereits kennt. Dazu passt auch die Ästhetik, die pseudo-dokumentarisch bis teils amateurhaft daher kommt. Dogma lässt grüßen. “Leben und Tod einer Pornobande” ist, genau wie “A Serbian Film” recht freizügig, aber nie erotisch oder ernsthaft pornografisch. Die Darsteller zeigen viel Haut, aber nur die Männer ihre Genitalien. Es gibt ein paar Hardcore-Sexszenen (hetero- und homosexuell), diese wurden allerdings offensichtlich in den Film hereingeschnitten bzw. von einem Fernseher oder Magazin abgefilmt.

Aber “Leben und Tod einer Pornobande” ist kein Wohlfühlfilm. Im zweiten Drittel wird der Gewaltgrad deutlich gesteigert und dem Zuschauer werden ein paar unangenehme Bilder gezeigt. Die idealistischen Protagonisten geraten in eine Abwärtsspirale aus Tod und Gewalt. Im dritten Teil strebt dann alles zum durchaus konsequenten Ende hin.

Die verschiedenen Grundstimmungen der einzelnen Teile sind strukturell eine sehr gute Entscheidung. Wo “A Serbian Film” irgendwann Gewalt nur durch noch mehr Gewalt überbieten kann und dadurch letzlich etwas an Kraft verliert, wirkt die Gewalt nach dem eher humorvollen Beginn in “Leben und Tod einer Pornobande” unvermittelt und krass. Regisseur Mladen Ɖorđević macht aber nicht den Fehler, sich darauf allzusehr zu konzentrieren. Stattdessen widmet er sich den Auswirkungen, die diese Gewalt auf seine Charaktere hat. Eine gute Entscheidung.

Ist “Leben und Tod einer Pornobande” nun schlechter oder besser als “A Serbian Film”? Auch wenn ich mich dadurch vielleicht dem Vorwurf aussetze, es mir zu leicht zu machen, will und kann ich diese Frage nicht eindeutig beantworten. Trotz vieler Gemeinsamkeiten sind beide Filme sehr verschieden. Persönlich finde ich “Leben und Tod einer Pornobande” gelungener, Gorehounds werden eher mit “A Serbian Film” glücklich. Zumindest, wenn sie den Film importieren, die deutsche Version ist, wie gesagt, pure Abzocke und sollte auf gar keinen Fall erworben werden. Schade, dass der keinen Vertrieb gefunden hat, der den Film wirklich zeigen will, wie er ist. “A Serbian Film” würde gut zu “Kino Kontrovers” oder “Bildstörung” passen und die haben beide in der Vergangenheit bewiesen, dass sie auch Filme veröffentlichen können, die angeblich nicht zu veröffentlichen sind (Ein Kind zu töten, Salo-Die 120 Tage von Sodom).

Bildstörung bietet “Leben und Tod einer Pornobande” ungeschnitten im Original mit deutschen Untertiteln an. Die Doppel-DVD (FSK 18) bietet zahlreiche Extras (Interviews, Making-Of, Behind the scenes), wer also mehr über die Hintergründe des Films erfahren will, sollte sich diese Version zulegen. Man erfährt Einiges über die Schwierigkeiten des Filmemachens in Serbien, vor allem aus der Perspektive junger, unabhängiger Filmemacher und man versteht etwas besser, warum ausgerechnet aus Serbien im Moment solch eine Welle wütender, kontroverser Filme kommt. Glaubt man Ɖorđević, erwarten uns, wenn es gut läuft, zukünftig nämlich noch einige Independent-Perlen aus dem Balkan. Wir gewöhnen uns also besser schon einmal daran.