Hurra, wir sind alle vollbeschäftigt!

Immer mehr Menschen werden nicht mehr gebraucht. Es gibt schlicht keine Arbeit für sie. Selbst ernsthafte Ökonomen wie Jeremy Rifkin, immerhin Berater diverser Regierungen und der EU- Kommission, oder Milton Friedmann, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften prophezeien „das Ende der Arbeit“ und fordern daher ein Grundeinkommen bzw. ein Bürgergeld. In Deutschland könnte man hier Götz Werner, Gründer, Gesellschafter und Aufsichtsratmitglied von dm-drogerie markt, oder Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen, als prominente Befürworter eines solchen Systems anführen. Die Konzepte unterscheiden sich, eines scheint aber klar: Uns geht die Arbeit aus. Wir müssen uns Gedanken machen.

Trotzdem geistern momentan genau gegenteilige Berichte durch die Medien. Vollbeschäftigung
sei möglich, bald sogar. Schon in einem Jahrzehnt könne dieser paradiesische Zustand erreicht werden, prognostizierten vor Kurzem Kurt Beck und sein Vize Frank-Walter Steinmeier in der Süddeutschen Zeitung. Wie passt das denn zusammen?

So:

Vollbeschäftigung heißt nicht: Jeder hat Arbeit. Vollbeschäftigung ist eigentlich ein äußerst vager Begriff, bloße Theorie und ziemlich beliebig. Man spricht von Vollbeschäftigung, wenn die Arbeitslosenquote einen bestimmten Prozentsatz nicht überschreitet. Über diesen Prozentsatz kann man schon genug streiten. Liegt er irgendwo zwischen 4,5 und 6 Prozent oder doch, wie zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders bei unter einem Prozent?

Die Arbeitslosenquote ist aber selbst schon ein wenig aussagekräftiger Wert. „Arbeitslos ist, wer weniger als 15 Stunden in der Woche arbeitet, aber mehr als 15 Stunden arbeiten will und jünger als das jeweilige Rentenalter ist. Darüber hinaus muss die Person dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und bereit sein, jede zumutbare Arbeit anzunehmen. Mit Verweis auf die Verfügbarkeit zählt nicht als arbeitslos, wer an Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit teilnimmt (z.B. Trainingsmaßnahmen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) oder eine Ich-AG
gegründet hat.“
Quelle

Schauen wir uns das mal genau an. Erhöhen wir nun das Rentenalter, haben wir plötzlich mehr Arbeitslose. Gehen wir von der Möglichkeit der Frühverrentung aus, sind es weniger. Muten wir offiziell arbeitslos gemeldeten Menschen mehr zu ( einer arbeitslosen jungen Frau beispielsweise Prostitution (nachzulesen hier) oder beschäftigen wir sie einfach mehr (Stichwort: ABM-Maßnahmen, Ich-AG, 1-Euro-Job), senken wir die Quote. Nützt zwar keinem etwas, sieht aber besser aus. Wir verringern die Arbeitslosenquote, ohne einem einzigen Arbeitslosen einen Arbeitsplatz geschaffen zu haben.

Wir stellen fest: Die Arbeitslosenquote ist nicht aussagekräftig. Da Vollbeschäftigung unmittelbar an sie gekoppelt ist, trifft hier dasselbe zu.

Oder man legt gleich eine ganz andere Definition an, wie Olaf Scholz, Bundesminister für Arbeit und Soziales auf Tagesschau.de: Für Scholz ist der Zustand der  Vollbeschäftigung erreicht, wenn „niemand, der seinen Job verliert länger als ein Jahr ohne einen neuen Arbeitsplatz bleibt“. Diese Definition hat für einen verantwortlichen Minister unleugbar Vorteile, denn sie ist unabhängig von Zahlen und quasi nicht überprüfbar. Ihr widersprechen nur Einzelfälle, keine Statistiken. Da sind gute Ergebnisse vorprogrammiert.

So kann man dann ruhig wieder davon reden, Vollbeschäftigung wäre prinzipiell möglich. Klar ist sie das, man braucht nur die richtigen Definitionen.

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