Internetz hat meinen Musikgeschmack unbezahlbar gemacht

Per elektronischer Post erreicht mich soeben jener Text, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Er zeigt die negativen Auswirkungen des Internets auf Rechtsempfinden, Moral und Werte. Dieser Text soll euch als Mahnung dienen! Macht nicht dieselben Fehler wie der unbekannte Autor des elektronischen Briefes. Haltet euch fern vom Internet! Die halbherzige Distanzierung ist doch irgendwie unglaubwürdig.

(Es ist offensichtlich, dass ich, Ti_Leo, mich vom Inhalt des folgenden, hoffentlich fiktiven, Textes ausdrücklich distanziere. Raubkopieren ist Teufelswerk.)

„Ich werde jetzt mal versuchen, was im täglichen Leben immer zum Scheitern verurteilt ist: Ich werde wahrhaftig und vollständig die Frage beantworten, was ich denn so höre.

EmoChaosHardMathGrindMetalcoreScreamoGoth(ic)ProgGlamStonerRockBlackSui cidalDeathSpeedIndustrialMelodicDoomVikingNuMetalHipTriphopPunkEbmDnBExp erimentalKlassikSinger/SongwritertumIndieAlternativeElectroTrashPopGrungeAlter nativeIndieNeoFolkirgendwas. Dieses Wort ist unvollständig, trotzdem völlig unverständlich. Ich musste es aus einer Liste zusammenkonstruieren.Und selbstverständlich höre ich gewisse Musikstile lieber als andere. Auch bei Beschränkung auf meine favorisierten Stile lässt sich aber kein wirkliches System ableiten, zumindest ist mir das bisher nicht gelungen. EmoHardcoreScreamoIndieAlternativeSuicidalBlackdeathMetalTriphopSinger/Song writerProgPostrockPop- das wäre die kürzere Liste.

Darüber, wie unsinnig und verwirrend die Vielzahl an Musikstilen ist, die wir heutzutage kennen, muss ich euch nichts erzählen. Ich denke, die Mehrheit von euch wird Probleme bekommen, wenn es darum geht, erschöpfend darzulegen, was ihr hört. Die Unterschiede zwischen Musikstilen sind teils so unklar, dass niemand wirklich sagen kann, diese eine Band ist eindeutig dieser einen Musikrichtung zuzuordnen. Hinzu kommt, dass es vielen von euch ähnlich gehen dürfte wie mir: Euer Musikgeschmack ist breitgefächtert, nicht eindeutig einzuordnen. Er taugt schon längst nicht mehr zur Identifikation, ist nicht mehr wie früher sinnstiftend.

Was ich überhaupt nicht mache, ist Radio hören. Radio ist für mich sowas von unwichtig, ich habe seit Jahren keins und vermisse nichts.

Woran liegt es nun, dass mein Musikgeschmack ganz furchtbar weitgefächert ist? Natürlich am Internet. Das Internet hat mich voll erwischt. Ich bin 26, also im besten Alter, um mit dem Internet großgeworden zu sein. Vor allem im besten Alter, um mit Tauschbörsen, Filehostern, Blogs, Streams und privaten Trackern aufgewachsen zu sein.

Als Schüler habe ich Tauschbörsen entdeckt. Orte, an denen ich kostenlos Musik bekommen konnte. Die Lösung meiner ständigen Taschengeldprobleme. In diesem Alter verbrachte ich oft Stunden damit, mir im Laden CDs anzuhören, in kompletter Länge, denn jeder Kauf wollte aufgrund meines knappen Taschengeldes gut überlegt werden. Mehr als eine CD pro Monat war nicht drin. Das war natürlich schade, ich hätte viel lieber viel mehr CDs gekauft und angehört. Und plötzlich ging das. Wenn ich im Internet von interessanten Bands las, zog ich mir ein Lied und wenn es mir gefiel ein ganzes Album. Das dauerte allerdings verdammt lang. Musste aber sein, schließlich wollte der MP3- Player gefüllt werden. Und die wurden immer größer.

Ein paar Tauschbörsen wurden verklagt und kostenpflichtig. Andere wehrten sich, allerdings mehrten sich Gerüchte, sie würden überwacht werden. Außerdem wurden Dateien zunehmend falsch benannt oder waren virusverseucht. Also kehrte ich zu Beginn meines Studiums Tauschbörsen den Rücken. Zumal ich zwischenzeitlich plötzlich Geld hatte, um mir CDs zu kaufen, wenn ich sie wollte. Als Musikbegeisterter gab ich buchstäblich hunderte von Euro aus, in manchen Monaten. Bücher, Musik und Filme sind meine Hobbies, die lass ich mir durchaus die Hälfte meines Gehalts kosten.

Ich kam natürlich nicht umhin, die Entwicklungen im Netz und außerhalb trotzdem mitzubekommen. Tauschbörsen waren quasi verboten, auch wenn der Download noch legal war. Dann waren Tauschbörsen aus meiner Sicht nahezu tot. Denn es gab Filehoster. Wenn man wusste, wo man Links bekommen konnte, war das paradisisch. Während Tauschbörsen risikobehaftet waren und letzlich auch der Download abgemahnt wurde, boten Filehoster Sicherheit. Und mit der Zeit ein riesiges Angebot.Was wichtig war, denn die MP3- Player bekamen immer größere Speicher und wollten immer noch vollgehauen werden.

Erstaunlich lang blieb mir die Existenz von privaten Trackern verborgen. Bis heute können diese meiner Ansicht nach den Filehostern mit ihrem dezentralen Netz aus Blogs nicht das Wasser reichen. Als Ergänzung sind sie aber super. Der MP3- Player will ja- genau.

Zwangsläufig führte dieses Angebot an Umsonst- Musik bei mir zu einem veränderten Musikgeschmack. Von Natur aus neugierig, wagte ich mich an Musikrichtungen, die mir früher fremd waren. So entdeckte ich, nach langer Zeit des Hörens, Black Metal für mich. So kam ich zum Hardcore(Punk!). Zur Klassik. Zurück zu gutem Pop. Was immer mich interessiert, landet auf der Festplatte. Ich habe sicher eine Menge Lieder auf dem Rechner, die ich noch nie im Leben gehört habe. Meine Playlists sind regelmäßig ein paar Tage lang und enthalten Musik aus hundert verschiedenen Stilen. Ich kann mir ein Leben ohne Shuffle nicht vorstellen. Bevor ich morgens aus dem Haus gehe, befülle ich den iPod neu.

Kurz: Ich habe ein Problem- immer zu wenig tolle Musik. Besser: es gibt immer neue, gute Musik, die ich hören will. Und keine Grenze- außer meiner Neugierde, und die scheint mir selbst grenzenlos zu sein. Was mich am meisten einschränkt, ist Festplattenspeicher, nicht Geld. Musik ist vom Finanziellen entkoppelt, sie ist mir ein Bedürfnis. Ich höre genau das, worauf ich Lust habe. Wenn jemand zu Besuch kommt und mir von einer Band erzählt, die ich nicht kenne, höre ich 5 Minuten später das Album an.

Das mag verwerflich klingen, ich sehe daran nur nicht Schlimmes. Fakt ist: Ich kenne viele eher unbekannte Bands. Die geben günstige Konzerte. Ich bin dort oft einer von 200 Zuhörern. Ich kaufe Poster, Buttons, CDs (so seltsam das für manchen erscheinen muss). Auf kleinen Konzerten kriegt man die oft signiert, da stehe ich sehr drauf. Man kann sogar mit den Künstlern reden. Fakt ist: Ich gebe einen großen Teil meines Geldes für Konzerte aus. Ich habe nur deutlich weniger zur Verfügung als in meinen besten Zeiten. Ich empfehle liebend gern Musik weiter. Ich würde wetten, dass eine nicht an mich verkaufte CD für manchen Künstler schon ein paar mehr verkaufte CDs dank Mundpropaganda bedeutet hat. Die größten Musikfreaks, die ich kenne, habe ich auf Seiten kennengelernt, die gemeinhin für den Tod der Musikindustrie verantwortlich gemacht werden.

Ich fühle mich nicht schlecht. Ich bin Musikliebhaber. Ich bin glücklich, so gut mit toller Musik versorgt zu sein. Ich bewundere, was die Musiker tun. Ich gebe ihnen, was ich kann.

Selbstverständlich würde ich nie etwas Illegales tun. Vorhergehender Text ist zutiefst fiktiv und ausgedacht. Ich, Autor des Textes, distanziere mich von meinem Text. Mein Musikgeschmack ist auch ganz anders.“

Advertisements

Eine Antwort zu “Internetz hat meinen Musikgeschmack unbezahlbar gemacht

  1. Word! Also… geht mir echt auf den Punkt genau so :-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s