Der blinde Fleck- Biologie kann nicht die Welt erklären

Ok, ich möchte euch folgenden Artikel von http://www.zeit.de nicht vorenthalten, weil er so wunderbar zeigt, warum ich die Mehrzahl der von „Evolutionsbiologen“ verzapften Studien und die Artikel über sie in mehr oder minder seriösen Medien auf den Tod nicht leiden kann.

Armer Mann, was nun?

In dem Artikel kommt der „Evolutionsbiologe“ Karl Grammer aus Wien zu Wort, wohl eine große Nummer in der Evolutionsbiologie, zumindest führt er „seit 1987 die weltweit größte Untersuchung zur Partnerwahl durch, an der 12000 Singles beteiligt sind.“ Nun gut, dass Größe nicht alles ist, ist ja bekannt.

Jedenfalls werden die Ergebnisse dieser Studien wie folgt dargestellt:

»Das Wahlkriterium Nummer eins«, das hat er zur Ehrenrettung der menschlichen Spezies vorzubringen, »ist, dass der Partner als nett und verständnisvoll angesehen wird.« Aber dann schlägt schon die Biologie durch. Männer, egal in welchem Alter, suchen intuitiv die Frau, die maximal fortpflanzungsfähig ist, also jung. Und gut aussehend. »Auf Intelligenz legen Männer leider keinen Wert«, sagt der Wissenschaftler. Aber auch an den Frauen scheint die Emanzipation vorbeigerauscht zu sein. Sie achten vor allem auf den Status des Mannes, er soll erfolgreicher sein und mehr verdienen als sie selbst. Und noch etwas wurde in der Studie deutlich: Paare, bei denen sie mehr verdient als er, bildeten sich kaum. »Das liegt im Promillebereich«, sagt Grammer. »Was die Erziehung und unsere Kultur da ausrichten können, ist offenbar wenig.«

(Fettschrift von mir)

Wundert sich jemand ernsthaft, dass ein EvolutionsBIOLOGE der Meinung ist, Biologie ist ach-so-wichtig? Natürlich nicht. Unklar ist, ob er Recht hat. Das interessiert mich aber gar nicht. Ich überlege vielmehr: Okay, was für Auswirkungen hat diese und jene Sicht.

Da bietet die Ansicht des Biologen keine Perspektiven. Fakt ist: Das Verhältnis der Geschlechter zueinander muss sich noch immer ändern. Gleichberechtigung ist nicht erreicht. Mit Biologismen wird sie nie erreicht werden. Also hüte ich mich vor Biologismen, solange sie nicht bewiesen sind. Ich zweifle sie an und zeige auf, wo evtl. Fehler liegen. Hier: Es spricht ein Bi0loge. Der wird natürlich Ursachen in der Biologie suchen und finden. Und wie so oft führt die Verwechslung von Ursache und Wirkung zu Annahmen unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Nur weil, laut Artikel, ein Großteil der Frauen einen reicheren, erfolgreicheren Mann will, heißt das NICHT, dass das biologisch verankert ist.

Da kann der Evolutionsbiologe gern behaupten, Männer würden keinen Wert auf Intelligenz legen- mich macht sie an. Und ich bin weder erfolgreich noch reich und habe trotzdem eine tolle (junge, gutaussehende ;)) Freundin.

Bin ich die Ausnahme? Vielleicht, wobei ich das nicht glaube. Es ist völlig irrelevant, ob es viele gibt, die den Klischees nicht genügen oder nur wenige. Fest steht: Die vielen oder wenigen leben Alternativen. Sie haben oft genug an Problemen zu knabbern, werden ständig in klassische Rollenvorstellungen gedrängt oder verfallen selbst in sie. So what? Es geht und es ist der einzige Weg, der eine gesellschaftliche Alternative bieten kann. Die hat die Biologie einfach nicht zu bieten. Und die scheint sie nicht bieten zu wollen, denn sie könnte sich selbst durchaus kritisch betrachten, statt stets dieselben Fehler zu begehen, nämlich aus einem Ergebnis auf seine Ursache zu schließen.

Der Biologe hat keinerlei Ahnung von Soziologie (was ich ihm schlecht vorwerfen kann) und von unserer Gesellschaft ( soviel Blindheit und Naivität finde ich eindeutig kritikwürdig), wenn er behauptet: „Was die Erziehung und unsere Kultur da ausrichten können, ist offenbar wenig.

Verzeiht die klaren Worte, aber gehts noch? Wo lebt der Mann denn, dass er nicht weiß, dass unsere Gesellschaft schon immer und noch immer Frauen benachteiligt, einfach dadurch, dass sie patriarchalisch aufgebaut ist und entsprechende Werte hoch- oder gering einschätzt? Unsere Gesellschaft hat einen Mordseinfluss auf unsere Vorstellungen vom eigenen und anderen Geschlecht und sie pocht noch immer strikt auf Einhaltung der „Geschlechtergrenzen“, bei Bevorzugung von Männern.  Was der Biologe scheinbar nicht sehen kann, ist die Möglichkeit, erwachsene Frauen und Männer hätten gelernt, bewusst und unbewusst, freiwillig und unfreiwillig, sich einigermaßen ähnlich zu entscheiden. Nein, er sieht das Ergebnis und schließt, als Fachidiot und schlechter Wissenschaftler, auf die Ursache. Männer wollen intuitiv eine junge, hübsche Frau. „Intuitiv“ meint natürlich: Biologie, rein zufällig sein Fachgebiet. Die paar Männer und Frauen, die nicht entsprechend handeln, vielleicht sogar auf das eigene Geschlecht stehen oder sich keinem der klassischen Geschlechter zugehörig fühlen, sind halt Ausnahmen und bestätigen lediglich die Regel. Dass die Regel eventuell willkürlich ist, wird von Biologen so gut wie nie in Zweifel gezogen. Da hat die Biologie ihren blinden Fleck.

Und weil er so ein toller Evolutionsbiologe ist, darf er seinen unwissenschaftlichen Annahmen dann auch noch bei der „Zeit“ verbreiten. Das Zitat ist natürlich nur ein kleiner Teil des Artikels, aber im gesamten Artikel werden dieselben Fehler gemacht. Es wird bewiesen, was man schon zu wissen glaubt. Und das geht immer in die Hose, zumal, wenn man außerhalb seines Gebietes auch nur Laienwissen hat. Ständig liest man „die Männer“ und „die Frauen“, als wär das eine homogene Gruppe. Nie wird angezweifelt oder wirklich nachgefragt. Die Biologie kann nur trennen, unterscheiden, sie konstruiert krampfhaft aus 2 Geschlechtern (was immer das eigentlich meint) ein sinnvolles Ganzes, verhindert durch ihr Festhalten an überholten Kategorien einen wirklichen Erkenntnisgewinn. Und so kommt der Artikel am Ende natürlich zu einem ernüchternden Ergebnis, welches wir schon hunderttausendmillionen Mal zu lesen bekamen: Ist halt so, wir müssen uns in diesem blöden System bestmöglich arrangieren. Die Unfehlbarkeit des Herrschers „Biologie“ wurde gleichzeitig einmal mehr „bewiesen“.

Würden Biologen doch einfach die Fresse halten, wenn sie keine Ahnung haben. Sie stecken, wie wir alle, tief drin in ihren stereotypen Vorstellungen, können sie aber scheinbar so gut wie nie kritisch hinterfragen. Und jetzt geh ich, so ist es Tradition, kotzen.

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8 Antworten zu “Der blinde Fleck- Biologie kann nicht die Welt erklären

  1. James T. Kirk

    Ti_Leo,

    Du verwendest häufiger den Begriff „Biologismus“. Kannst Du mal erläutern, was Du darunter verstehst?

    Du wirfst dem erwähnten Evolutionsbiologen häufig „Biologismen“ vor. Wie begründest Du diesen Vorwurf konkret?

    Aus meiner Sicht handelt es sich bei Deinen Ausführungen ausschließlich um verzerrende und unseriöse Unterstellungen.

    • http://de.wikipedia.org/wiki/Biologismus

      Beispiele habe ich im Text genannt.

      „Aber dann schlägt schon die Biologie durch. Männer, egal in welchem Alter, suchen intuitiv die Frau, die maximal fortpflanzungsfähig ist, also jung. Und gut aussehend. »Auf Intelligenz legen Männer leider keinen Wert«, sagt der Wissenschaftler.“ Aber auch an den Frauen scheint die Emanzipation vorbeigerauscht zu sein. Sie achten vor allem auf den Status des Mannes, er soll erfolgreicher sein und mehr verdienen als sie selbst. Und noch etwas wurde in der Studie deutlich: Paare, bei denen sie mehr verdient als er, bildeten sich kaum. »Das liegt im Promillebereich«, sagt Grammer. »Was die Erziehung und unsere Kultur da ausrichten können, ist offenbar wenig.«

      Da wird die Biologie als Vorwand benutzt. Die Dinge sind halt, wie sie sind, naturgegeben. Meinen Vorwurf habe ich im Text ausführlich begründet, ich sehe keinen Anlass das nochmals zu tun. Du bist offensichtlich des Lesens mächtig, also tu es auch.

      Da du meine Sicht aber sowieso für unseriös und verzerrend hälst, bist du aller Voraussicht nach gar nicht an einer Erklärung interessiert. Falls das so ist, kannst du mir gepflegt den Buckel runter rutschen, Troll. :-)

      Mit freundlichen Grüßen, Ti

  2. „Wissenschaftlich wär es sicher nicht, die Existenz biologischer Unterschiede zu verneinen. “

    Warum sollte das nicht wissenschaftlich sein? In einem neuen Buch zu Biologie und Geschlecht passiert genau das – und es war wohl eine Doktorarbeit:

    „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“
    http://www.transcript-verlag.de/ts1329/ts1329.php

    • „Mit prozessorientierten Betrachtungsweisen sind in biologischen Theorien viele Geschlechter denkbar – statt nur zwei oder drei. “

      Also durchaus gewisse Unterschiede nicht verneint. Aber darum geht es mir nicht. (Wie du sicherlich gelesen hast, finde ich für den täglichen Umgang mit dem Thema, die Hypothese, es gebe keine Unterschiede deutlich praktikabler.) Nur weil etwas in EINER Doktorarbeit behauptet wird, ist es noch nicht wissenschaftlich, das einfach unreflektiert zu glauben. Wichtig ist, wie mit evtl. (!) vorhandenen biologischen Unterschieden umgegangen wird. Werden sie gesellschaftlich instrumentalisiert? Führen sie zu Diskriminierung? Das interessiert mich mehr.

      Danke für deinen Kommentar.

  3. Wissenschaftlich wär es sicher nicht, die Existenz biologischer Unterschiede zu verneinen. Andererseits hat man die Biologie aus vielen Bereichen rausgedrängt, fast immer mit positiven Auswirkungen (meiner Meinung nach) für den einzelnen Menschen. Als Hypothese find ich das gar nicht so verkehrt. Kommt drauf an, was man vor hat. Will man sich intellektuell mit dem Thema auseinandersetzen oder praktisch was erreichen? Mal ist es sinnvoller, in Differenz zu denken (z. B. bei Beschäftigung mit Diskriminierung), mal weniger sinnvoll (beim Hinterfragen von Geschlechterstereotypen oder bei der Frage nach dem Einfluss unserer Gesellschaft auf den einzelnen Menschen).

    Selbstverständlich greife ich nicht alle Biologen als Geschlecht ;) an. Ich mag nur diese ständigen Bezüge auf die Evolutionstheorie mit Jägern und Sammlern, wenn es um heutige Verhaltensweisen geht, nicht. Vor allem nicht als Ergebnis einer wissenschaftlichen Beschäftigung.

    Soziologisch kann man Daten sammeln, klar. Aber wo kommt der „Input“ her, das ist die Frage. (auf die Soziologen, wie alle andern auch, nicht unvoreingenommen antworten werden, fürchte ich)

    • Witzigerweise ist es bei Homosexualität eben umgekehrt: Da versuchen dieselben Kräfte, die die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau an der Biologie festmachen, einem zu erzählen, dass Homosexualität nicht angeboren sein kann, sondern erlernt sein muss.

      Irgendwie kann das ja dann auch nicht stimmen. Entweder alles ist angeboren, oder gar nichts, obwohl auch Quatsch ist. Den Menschen macht wohl immer eine Mischung aus dem Erbgut und den Erfahrungen aus.

      • Wahrscheinlich ist das so. Als Hypothese fürs tägliche Leben erlaube ich mir aber die Annahme, nix wär angeboren, alles wär erlernt. Ist einfach fruchtbarer. Denn auch angeboren könnte ja wandelbar bedeuten usf.
        Homosexualität kann ja nicht normal sein in einer heteronormativen Gesellschaft. ^^

  4. Na ja, soziologisch kann man sicherlich typische Verhaltensweisen des Durchschnitts der weiblichen bzw. männlichen Mitglieder einer bestimmten Gruppe festmachen.
    Und dass Frauen und Männer alleine schon biologisch voneinander verschieden sind, wird ja wohl auch keiner bestreiten.
    Typische Verhaltensweisen jedoch nur an der Biologie festzumachen, halte ich auch für ein wenig gewagt.
    Dass der gute Mann sich aber so stark verallgemeinernd zu den Verhaltensweisen äußert, dass man annehmen könnte, es gäbe keine nennenswerten Ausnahmen, halte ich für kompletten Blödsinn.

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