Browser mit eingebautem Sexismus

„Frauen nutzen Medien einfach anders“ titelt soeben das Onlineangebot des Tagesanzeigers in der Schweiz und schreibt von einem speziell an die Bedürfnisse von Frauen angepassten Internet Explorer 8, entwickelt von Microsoft und dem Portal annabelle.ch.

Mir war nicht bewusst, dass es in der Benutzung von Browsern einen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt. Klar, ich lese mehr Nachrichten als meine Freundin, sie verbringt deutlich mehr Zeit in MMORPGs. Aber verallgemeinerbar wird das sicher nicht sein. Zumal verschiedene Interessen keinen anderen Browser brauchen, sondern andere Lesezeichen . Da die sowieso jeder selbst anlegt, fiel mir beim besten Willen kein Grund für einen Frauenbrowser ein (Später im Artikel wird klar, dass es genau darauf hinausläuft: Mitnichten ein eigener Browser, sondern nur voreingestellte Lesezeichen. Klingt wohl zu unspektakulär, weswegen man gleich einen Frauenbrowser draus machte). Ich war also vorsichtig gespannt, wozu denn eigentlich ein Frauen-Internet-Explorer vonnöten sein soll.

Auf die Frage, aus welchen Gründen ein Frauenbrowser notwendig ist, antwortet Lisa Feldmann, Chefredakteurin von „Annabelle“ wenig überzeugend:

«Aus denselben Gründen, aus denen es Frauenzeitschriften gibt. Frauen nutzen Medien einfach anders als Männer, interessieren sich für andere Bereiche, verweilen länger, lesen sogar grössere Artikel ohne Probleme»

Es ist natürlich Blödsinn, Frauenzeitschriften und einen Browser so in Beziehung zueinander zu setzen. Der Browser ist ein Programm, um das Internet (übertragen: die Frauenzeitschrift) zu bedienen, entspräche also etwa der Hand, mit der ich umblättere. Da kommt man auch schnell drauf, dass die Frauenwelt eben keinen anderen Browser braucht, nur weil sie andere Seiten besucht als Männer. Über Sinn und Zweck von Frauen- und Männerzeitschriften lasse ich mich an dieser Stelle gar nicht erst aus.

Und mehr hat die gute Frau argumentativ in dem Artikel tatsächlich nicht vorzubringen. Stattdessen werden dann wieder ordentlich Geschlechterstereotype durchgekaut.

Ganz klar, dass Mann und Frau sich beim TV- Programm niemals einigen können. Sie sind ja grundverschieden. Und so surft Frau im Netz auch vor allem nach Rezepten und Klatsch und Tratsch. Am nächsten Tag werden die Rezepte dann umgesetzt, denn die normale Frau ist Hausfrau, natürlich. Was Frauen scheinbar nicht machen? Sich bilden. Politik, Wissenschaft, sowas.

Was ist nun das Ziel des Browsers?

«Mit unserem neuen Webauftritt und dem Frauen-Browser wollen wir den Schweizer Frauen noch mehr Orientierung und Inspiration im Internet bieten.»

Nun ist klar, was mit „Orientierung“ gemeint ist. Dieser Browser mit voreingestellten Lesezeichen leitet frau auf die richtigen Seiten für sie. Auf Kochseiten, „People-Seiten“ und „Annabelle“ natürlich. Sehr wahrscheinlich auch Shoppingportale, denn  dass Frauen gern und viel einkaufen, weiß doch jedes Kind. Alles Seiten, die sie nicht männlich „ansurfen“, nein, sie „schlendern“ durch sie. Ganz weiblich, ganz anders als ein Mann.

Tja, es bleibt zu hoffen, dass die „Annabelle“ auf ihrem „Browser“ mit eingebautem Sexismus sitzen bleibt. Auch und gerade Frauen wollen sich frei im Netz bewegen. Sie sind durchaus in der Lage, sich zu suchen, was sie wollen. Niemand muss ihnen diese Arbeit abnehmen. Schon gar nicht jemand mit einem solch veralteten Frauenbild. Und jetzt räum ich den PC, meine Süße will zocken.

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8 Antworten zu “Browser mit eingebautem Sexismus

  1. Pingback: Maedchenmannschaft » Blog Archive » Männer in Röcken und Frauenbrowser

  2. Man fragt sich welches Geschlecht da mehr beleidigt wird von Frau Feldmann: Die Männer, die nur auf Facebook kleben und raubkopieren, oder die Frauen, die sich nur für Shopping, Kochrezepte und Promi-Tratsch interessieren?

  3. ;-) Danke euch für eure Kommentare. Mittlerweile habe ich auch den Witz in deinem Kommentar gefunden, Wolfgang.

  4. „Frauen nutzen Medien einfach anders als Männer, […] lesen sogar grössere Artikel ohne Probleme»

    Diese Behauptung find‘ ich ne Frechheit.
    Danach hab ich aber aufgehört zu lesen, weil dein Artikel viel zu lang ist.

  5. Ich bin froh, daß dieser Artikel nicht zu groß geraten ist, sonst hätte ich wohl Probleme bekommen.

    Genau diesen Aspekt fand ich auch bemerkenswert!

  6. Ich bin froh, daß dieser Artikel nicht zu groß geraten ist, sonst hätte ich wohl Probleme bekommen.

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