Ein Monat Musik- Tag 27 (A song that you wish you could play) + Ein Monat Musik- Tag 28 (A song that makes you feel guilty)

Es ist Sonntag. Es hat sich etwas abgekühlt. Ich beschäftige mich heute mit einem Lied, von dem ich wünschte, ich könnte es auf einem Instrument spielen und ich suche einen Song, der macht, dass ich mich schuldig fühle. Letzteres klingt mir sehr nach „Guilty pleasure“, aber das hatte ich schon. Werde sehen müssen, was mir zu dem Thema in den Sinn kommt. Improvisieren wird unterschätzt. Hoffentlich.

Zuerst also der Song, bei dem ich selbst gern zu einem Instrument greifen würde. Mal überlegen. Ich glaube, es sollte ein Folksong sein, die Singer/Songwriter- Schiene, als Instrument wähle ich die Gitarre. Folk kommt meiner Erfahrung nach bei geselligen Anlässen gut an, Black Metal (beispielsweise) würde hierbei kläglich scheitern. Das Lied s0llte nicht allzu kompliziert sein, ich müsste mich schließlich noch auf den Gesang konzentrieren. Und im besten Fall kennen die andern den Text und singen mit. So verbringt man ruckzuck einen tollen Abend zusammen. Wenn erstmal die anfänglichen Hemmungen bezüglich des Singens überwunden sind, gibt es kaum was Schöneres, seltsamerweise.

Tja, wessen Texte kennt in meinem Umfeld so ziemlich jeder? Nicht die von obskuren Singer/Songwritern sondern die von deutschsprachige Bands, allen voran Tocotronic. (Dicht gefolgt von Kettcar. Von den tollen Sternen kennt leider jeder nur ein Lied: Was hat dich bloß so ruiniert.)

Aber welchen Song von Tocotronic wählen? Aus Sympathie neige ich dazu, mich für einen vom Album „Digital ist besser“ zu entscheiden, weil das mein Lieblingsalbum ist. Darauf sind solch eine Menge toller Songs, viele allerdings mit Stromgitarre. Es hat zwar seinen Reiz, solche Lieder auf einer Akustikgitarre zu spielen, aber um eine Auswahl treffen zu können, scheiden alle tollen Songs mit E- Gitarre jetzt aus. Überhaupt alle lauten Songs, mit viel Schlagzeug und Krach.

Dann bleiben noch überschaubare 3 Songs über.  „An einem Dienstag im April“, „Ich weiß es nicht“ und „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. Das letztgenannte Lied ist eines meiner absoluten Lieblinge, deswegen gebe ich ihm den Vorzug, obwohl es durchaus Passagen ruhigen Schlagzeugspiels enthält. Ich mag den Text, ich mag die Melodie, ich liebe den gefühlvollen Schluss. Toller Song!

Nach reiflicher Überlegung wünschte ich also, ich könnte Tocotronic- Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit auf der Gitarre spielen:

Kommen wir zu dem seltsamen Schuldkram, auch wenn ich damit gar nicht viel anfangen kann. Schuld und Musik passen für mich nicht zusammen und ich würde wahrscheinlich kein Lied hören, bei dem ich mich wirklich schuldig fühle. Wenn das Vergnügen fehlt, meidet mensch solche Songs. Für was soll ich mich schuldig fühlen beim Hören? Da ich es im täglichen Leben bisher gut vermeiden konnte, mich schuldig zu machen, gibt es keine Situation, in der ich Musik mit Schuldigkeit verknüpfte. Es bräuchte also einen Text, der etwas thematisiert, was mir äußerst unangenehm ist, der mir erfolgreich Schuld bewusst macht. Tja… Bei englischen Liedern achte ich meist nicht auf den Text, es bleibt also auch hier nur deutschsprachige  Musik; und das Vertiefen in Zeitverschwendung, die mir selbst unangenehm ist.

Es gibt so Phasen. Wenn wieder einmal alles ganz furchtbar verwirrend ist und die Komplexität selbst der normalsten Dinge einen überfordert. Wenn man zu nichts in der Lage ist und die Gedanken sich in seltsamen Kreisen drehen. Unproduktive Zeiten voll Selbstmitleid. Solche Tage hat wohl jeder manchmal, sie sind wichtig, aber man schämt sich auch ein bisschen für sie. Weil man nicht immer stark ist und funktioniert.

Gisbert zu Knyphausen hat ihnen mit Erwischt ein Denkmal gesetzt.

Dieser Tag war wieder mal
bloß eine Lücke in der Zeit.
Ich habe keine Kraft und keinen Plan
bloss schwer verträumte Eitelkeit.
Ich bau ein wunderschönes Grab
für jeden neuen Tag.

So Tage. Man schläft lang, hat wild geträumt und ärgert sich beim Aufstehen schon über die eigene Trägheit. Durchs gardinenverhangene Fenster sieht man kurz den grauen Himmel draußen und fühlt sich schlagartig wieder müde. Man verbringt den Tag damit, darüber nachzudenken, was man Sinnvolles tun könnte, aber es fällt einem nichts ein. Alles ist viel zu anstrengend und viel zu viel. Man fühlt sich einsam und allein.

Komm hier rüber, komm hier her
wir haben uns lang nicht mehr gesehen.
Ich will bloß schweigen nicht viel mehr
und deine müden Augen sehen.
Ich will ein Stück von deiner Zeit
geteilte Einsamkeit.

Gefühlsduselige, alkoholgeschwängerte  Statements zum Zustand der Welt in einem Notizenblock, auf der Suche nach einem Platz. Geschrieben in der Hoffnung, dass das Schreiben irgendwann verständlich wird. Wilde Kritzeleien, teils mit erstaunlicher Ausdauer geschaffen. Über allem Selbstmitleid, Musik und der Versuch, die Welt besser zu verstehen, sie durch die Augen eines anderen Menschen sehen zu können.  Man sehnt sich.

Schenk du uns die Drinks ein
ich schütte dir mein Herz aus
auf dem Sofa das ich schon lange nicht mehr sehen kann
denn diese trostlose Farbe
sie entspricht meiner Verfassung
komm lass uns trinken,
bis ich dich wieder versteh.

Nach Nähe. Wenn man Glück hat, hat man jetzt einen Lieblingsmenschen. Einen mit viel Herz, Geduld und Bier. Wer jetzt nicht liebt, will sich verlieben. Sofort und unbedingt etwas Echtes erleben.

Ich gebe zu daß ich dich mag
ich mein – wir kenn´ uns schon so lang
Wir wissen beide nur zu gut,
dass man auch schweigend reden kann
dein Herz ist schwer genau wie meins
komm lass uns gehen es ist Zeit.

Seelenverwandtschaft rückt in den Bereich der Möglichkeiten, weil man nicht länger allein sein kann. In einem ist soviel Gefühl, man möchte platzen. Alles muss raus. Danach ist man träge. Es wird einem bewusst, dass man viel zu viel getrunken und geraucht und vielleicht zuviel von sich offenbart hat. Man sollte jetzt nach Hause gehen. Aber man bleibt.

Diese Nacht wird lang
ich kann es sehen,
wir haben noch so viel zu erleben
wir haben noch so viel zu erzählen
doch irgendwann
ist auch der tiefste Rausch vorbei
dann wird es hell,
dann fängt das wundervolle Leben und
der ganze blöde Scheiß von vorne an.
So müde am Frühstückstisch,
ich glaube es hat uns erwischt.

Man hätte wirklich nach Hause gehen sollen, aber es fällt einem auf, dass man gar nicht mehr weiß, wo das ist. Der Moment soll noch bleiben, denkt man, aber er ist bereits vorüber. Der Wahnsinn kann nicht von Dauer sein. Nun plagt einen unnatürliche Klarheit. Alles ist überdeutlich und voll versteckter Bedeutungen. Es beschleicht einen die Ahnung, dass man etwas Wichtiges verpasst haben könnte. Man geht viel zu spät ins Bett und wacht am nächsten Nachmittag mit einem Kater und schlechter Laune wieder auf. Man bereut, was man getrunken, geraucht und gesagt hat. Man fühlt sich schuldig.

Vielleicht endet die Nacht ganz anders. Man hat etwas Schönes erlebt, ist zusammen geblieben und verbringt einen verträumten Morgen miteinander. Statt Bier gibt es Kaffee. Man redet und schweigt und die positiven Vibes im Raum machen einen ganz wahnsinnig. Der Moment ist nicht vorüber gegangen, man hat nur unruhig geschlafen. Zwar muss man irgendwann zurück ins „wundervolle“ Leben, aber noch nicht jetzt.

Vielleicht ist es wirklich wie im Knyphausen- Song. Aber dann müsste man sich nicht schuldig fühlen. Dann könnte ich keinen Bezug zwischen Schuld und dem Lied herstellen. Das fänd ich schade, auch wenn ich euch Liebe wünsche.

Improvisieren Ende.

Der Song zum Text:

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