Herbst

Aufgrund von Disziplinlosigkeit und Blog-Unlust leider einmal mehr nichts Neues von mir. Stattdessen ein alter Prosatext aus dem Jahre 2004. Wer sich nicht gerade in einem bestimmten Literaturforum rumtreibt, dürfte den Text nicht kennen, insofern ist die Aufnahme ins Blog aus meiner Sicht gerechtfertigt.

Mir ist als wäre es gestern gewesen, vielleicht war es ja wirklich erst gestern, da standst du abends unangekündigt bei mir vor der Tür. Mit großen Augen und dem Ausdruck der Wichtigkeit in der Stimme, den du immer dann geschickt einzusetzen wusstest, wenn du klarstellen wolltest, dass du in einer Sache keine Widerrede dulden würdest, sagtest du mir, wir müssten jetzt sofort Ausschau nach Sternschnuppen halten. Das war nichts Besonderes. Es kam des Öfteren vor, dass es bei meiner Mutter klingelte – denn ich wohnte damals noch daheim- und du, immer mit diesen riesigen Mandelaugen, im Brustton der Überzeugung verlangtest, dass wir heute Kastanien sammeln , den Sonnenuntergang anschauen oder Kirschen klauen gehen würden. Solch Einfälle kamen dir ständig und ich erinnere mich nicht, dir jemals einen abgeschlagen zu haben. Du verlangtest schließlich nichts Unmögliches. Wenn ich deine Wünsche erfüllte, hatte ich außerdem selbst immer eine Menge Spaß. Ich liebte deine Spontaneität, die ich bei mir manchmal so sehr vermisste.
Ich überlegte also nur kurz, ob ich dir sagen sollte, dass ich morgen früh aufstehen müsste oder dich zu fragen, warum wir ausgerechnet heut so dringend Sterne gucken müssten, dann schnappte ich mir eine Decke aus meinem Zimmer und mit ihr unterm Arm und dir an meiner Seite machte ich mich auf den Weg. Weit mussten wir nicht gehen, nur der Straße vorm Haus einen halben Kilometer nach links folgen. Dort hörte der Vorort, in dem wir wohnten, nämlich schon wieder auf und es schloss sich ein weites Feld an. Irgendein hartnäckiger Bauer hatte es bereits Wochen vorher abgeerntet. Es waren nur noch kurze Stengel über, auf denen wir die Decke ausbreiteten, so dass wir uns bequem auf den Rücken legen und die Sterne beobachten konnten. Wir kuschelten uns ganz nah aneinander und vertieften uns in das Grau des Nachthimmels und das Flimmern der Sterne. Heut interessierten uns nur die kleinen Partikel, die, vom Kurs abgekommen, unrettbar in Richtung Erde unterwegs waren und welche schließlich, unter hellem Leuchten, in unserer Atmosphäre vergehen würden. Da! Die erste Sternschnuppe. Wir hatten sie beide gesehen. Die Nächste ließ sich Zeit. Fast eine Stunde. Klar wünschten wir uns etwas. Ich weiß nicht, was es bei dir war, sowas erzählt man nicht, sonst geht es nicht in Erfüllung. Ich wünschte mir zweimal dasselbe, so wichtig war mir, dass es eintrat. Mag sein, wir wünschten das Gleiche. Plötzlich merkte ich, dass du nicht mehr den Himmel beobachtetest, sondern mich. Wie lange mochtest du schon so daliegen? Ich sah dich an.
”Du siehst traurig aus”, sagte ich.
”Nein, nicht traurig. Ich habe Angst”, war deine Antwort.
”Wovor?”
”Vor der Zukunft. Spürst du, wie kalt es geworden ist? Der Sommer ist vorüber. Bald kommt der Winter. Ein harter Winter! Einer mit Eis und Schnee und Wind, der Häuser einschneit, Bäume biegt, blaue Finger macht und Träume verweht.”
”Aber auch einer, der Gräser zudeckt, sie wärmt und so am Leben hält.”
Da bist du aufgestanden und zurückgegangen. Ich blieb noch liegen und rauchte eine Zigarette, dann rollte ich die Decke zusammen und trottete ebenfalls los. Zurück blieb nur ein abgemähtes Feld, der Himmel und der Horizont.

Advertisements

Eine Antwort zu “Herbst

  1. Pingback: Linktipp: I write like / Ich schreibe wie… | Ti_Leo meint:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s