Downloading Nancy – Death is like sucking pure oxygen

Gestern habe ich mir „Downloading Nancy“ von Regisseur Johan Renck angeschaut. Der Film hatte 2008 auf dem Sundance Festival Weltpremiere. Hier der (englische) Trailer:

„Downloading Nancy“ handelt von Nancy (Maria Bello), einer psychisch kranken Frau in einer unglücklichen Ehe mit dem kalten, gehemmten Alfred (Rufus Sewell). Nancy hat ein ungewöhnliches Verhältnis zu Liebe, Schmerz und Erniedrigung. Da Alfred auf diese Neigungen nicht eingehen kann, nimmt sie online Kontakt zu Louis (Jason Patric) auf, der sie umbringen soll. Aber Louis verliebt sich in Nancy.

Downloading Nancy Film Plakat

Nancy ist ein interessanter, aber auch extrem negativer Charakter. Maria Bello spielt diese einerseits leidende, andererseits apathisch wirkende Figur überzeugend. Ihr stellt Regisseur Johan Renck nun mit Alfred, dem Klotz und Louis, dem Psychopathen, zwei ebenfalls kaputte Charaktere zur Seite. Der Zuschauer erkennt schnell, dass keiner der beiden Männer Nancy wirklich wird helfen können.

Alfred liebt Nancy, aber er kann ihr nicht geben, was sie offenbar braucht. Zwischen Louis und Nancy kommt es mitunter zu kurzen Momenten, in denen sowas wie Nähe, Wärme aufkommt, aber sie resultieren aus Louis‘ Sadismus und Nancys Masochismus. Nancy und Louis können sich für kurze Zeit gegenseitig runter ziehen. Mehr bleibt auch ihnen nicht.

Immer wieder wird Nancy in einer Therapiesitzung gezeigt und es wird klar, dass Nancys Probleme sehr ernst sind. Nancy ist nicht einfach unglücklich. Bereits seit ihrer Kindheit hat sie ein seltsames Verhältnis zur Liebe. Für Nancy ist Liebe gleich Schmerz. Wer sie liebt, tut ihr weh. Als Louis ihr einmal andeutet, dass er sich in sie verliebt hat und dass er sie vielleicht doch nicht töten möchte, rastet sie aus, weil sie sich von ihm betrogen fühlt. Die Therapie ist für Nancy keine Hilfe. Beteuerungen, alles würde besser werden, ziehen bei ihr nicht, weil sie nicht möchte, dass etwas anders wird. Sie hat bereits einen Plan: Sie ändert ihr Leben, indem sie es beenden lässt. Das ist ihr letzter Halt.

„Downloading Nancy“ wirft Fragen auf. Was tut man mit einem Menschen, der sich in den Kopf gesetzt hat, sein Leben zu beenden? Kann man jemandem helfen, der keine Hilfe will? Sind Louis oder Alfred Täter oder ebenfalls Opfer? Vielleicht beides?

Ein Problem, das ich mit dem Film habe, liegt darin, dass er keine Antwort gibt, mit der sich etwas anfangen ließe. Der Film ist für ein böses Ende ausgelegt und wird, trotz zahlreicher Schnitte und Zeitebenen konsequent bis dorthin erzählt. Der Zuschauer gibt schnell jede Hoffnung auf. Hier leiden alle, wirklich jeder ist kaputt. Das ist schade. Ein kaputter Charakter wie Nancy könnte, konfrontiert mit „normaleren“ Charakteren, noch mehr Tiefe aufbauen, Kanten zeigen, wirken.

Hier ist vor allem Alfred zu erwähnen. Rufus Sewell spielt gut, aber er spielt einen pedantischen, hilflosen und kalten Mann. Das hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Hätte man stattdessen einen liebevollen, warmen Alfred im Drehbuch gehabt, das Ergebnis wäre dasselbe: Nancy wäre unglücklich, weil sie nicht anders kann. Für die Geschichte wäre das kein Problem. Die Figur Nancy und auch die Aussage des Films, hätte aber profitieren können. Die Funktion des liebenden Gegenübers übernimmt stattdessen Louis, für manche Zuschauer mag das ein schlauer Kniff sein, ich empfinde diese Lösung als schwächer. Man mag Louis seine Liebe sogar abnehmen, aber sie ist noch klein. Mit Alfred verbindet Nancy hingegen ein halbes Leben. Hier lägen Möglichkeiten, scheinbares Glück und inneres Unglück brutalstmöglich aufeinander treffen zu lassen. Die wurden verschenkt.

Insgesamt ist „Downloading Nancy“ ein Film mit guter Besetzung, grundsätzlich interessanter Handlung und simplem, aber sehr gutem Soundtrack. Ich mag Filme, die sich mit der dunklen Seite der menschlichen Psyche beschäftigen, ich scheue mich auch nicht vor verstörenden oder deprimierenden Filmen. Im Gegenteil, ich suche sogar aktiv danach. Vor „Downloading Nancy“ würde ich allerdings trotzdem warnen. Dieser Film lässt einen entweder kalt oder er macht schlechte Laune. Die Frage ist, warum man sich das antun sollte, denn eine Botschaft vermittelt „Downloading Nancy“ nicht. Es sei denn, man erkennt „Es gibt keine Hoffnung“ als Lösung an. Dazu müsste man allerdings den Film gar nicht erst sehen. Empfehlen kann ich „Downloading Nancy“ nur jenen, die dieser Widerspruch nicht stört oder die das Thema wirklich sehr interessiert. Auf mich trifft das, trotz all meiner negativen Anmerkungen, zu.

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