Jens Spahn – CDU-Experte für die Pille danach


Jens Spahn kennt ihr wahrscheinlich nicht. Ist so ein CDUler, der bisher eigentlich nur dadurch auffiel, dass er 2013 mit einem blöden Satz ein Mem ausgelöst hat.

Das Zitat lautete: „Solche Pillen sind nun mal keine Smarties.“ Weiße Kerle, die Frauen die Gefahren eines Notfallmedikaments zur Verhütung einer Schwangerschaft mit Smarties erklären – kann man machen. Sogar mehrmals.

Als Reaktion darauf wurde Twitter mit meist sarkastischen Tweets zum Thema Pille danach und dem Hashtag #wiesmarties geflutet. War halt schon sehr krude formuliert, die „Warnung“.

Jetzt hat Spahn nachgelegt und es geht schräg weiter. Ich zitiere mal ein bisschen aus seinem Text „Pille danach – Beratung in der Praxis und nicht am Apothekenschlitz“ und erlaube mir Ergänzungen und Kommentare.

Shitstorm hin oder her, ich bleibe dabei: Die “Pille danach“ ist aus fachlich-medizinischen Gründen verschreibungspflichtig, das ist keine politische Entscheidung. Das ist ein Medikament mit Nebenwirkungen. Studien zeigen, dass fast jede fünfte Frau nach der Einnahme kurzfristig mit Kopfschmerzen zu kämpfen hat und mehr als jede zehnte Frau unter Unterbauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen leidet. Ebenso kann die Einnahme zu Zyklusverschiebungen, Menstruationsstörungen und zu einer Verschiebung der Follikelreifung im nächsten Zyklus führen.

Medizinische Gründe hin oder her, es sieht irgendwie sehr nach Politik aus: Der Expertenausschuss für Verschreibungspflicht hat gefordert, die Rezeptpflicht für die „Pille danach“ aufzuheben. Vielleicht hört Spahn ja, wenn schon nicht auf den Pöbel, dann vielleicht auf Experten und erspart uns weitere doofe Blogposts oder Interviews.

Der Pöbel weist ihn schon lang unter Anderem darauf hin, dass diese Nebenwirkungen wohl kaum schlimmer seien, als die einer Schwangerschaft. Oder dass die Abwägung zwischen Schwangerschaft und Nebenwirkungen möglicherweise eine sehr persönliche sein sollte. Oder dass ihn die Körper anderer Menschen nicht halb so viel angehen, wie er offensichtlich meint.

An dieser Stelle verstehe ich übrigens auch viele der Kritiker nicht: Dass es die Antibabypille nur auf Rezept gibt, ist selbstverständlich. Bei der “Pille danach“ jedoch, die eine viel höhere Dossierung von Hormonen enthält, ist der Ruf nach der Aufhebung der Rezeptpflicht laut.

Dass ein Medikament, das dem Körper täglich Hormone zuführt, anders behandelt wird, als ein Notfall-Medikament zur einmaligen Einnahme, verstehe ich eigentlich ziemlich gut.

Die diskutierte Freigabe von Levonorgestrel (um diesen Wirkstoff geht es konkret in der Debatte) würde weiterhin bedeuten, dass die Patientin über das bessere und neuere Präparat, Ulipristalacetat, das seit drei Jahren weltweit als das Standardpräparat gilt, gar nicht informiert wird, es ihr aber zumindest bei der Apotheke nicht so einfach zugänglich wäre. Denn über eine Freigabe aus der Rezeptpflicht dieses neuen Präparats kann nur die EU-Kommission entscheiden, nicht die Bundesregierung. Folge wäre die fatale Situation, dass die „Pille danach“ mit den höheren Nebenwirkungen und der geringeren Wirksamkeit einfach in der Apotheke erhältlich wäre, das bessere Präparat als Alternative aber gar nicht mehr in Betracht gezogen würde.

Das Argument bringt Spahn gern, dabei ist es nicht gut. Anders als er impliziert, würde die Rezeptfreiheit der Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel überhaupt erst die Möglichkeit eröffnen, dass die Pille danach mit Ulipristalacetat ebenfalls eine Chance auf Rezeptfreiheit hätte. Es ist nicht schön, dass nicht direkt das beste Präparat rezeptfrei erhältlich sein kann, aber das ist kein gutes Argument gegen die Freigabe des zweitbesten Wirkstoffes. Den man im Übrigen natürlich -EU hin oder her- jederzeit schon auf Rezept bekommen kann, wenn man will. Es riecht schon wieder unangenehm nach deutscher Politik.

Welchen Wert messen Kritiker eigentlich dem Gespräch zwischen Arzt und Patientin bei? Das mit der Rezeptpflicht verbundene Beratungsgespräch gibt dem Arzt die Gelegenheit über Nebenwirkungen aufzuklären. Ebenso kann sich der Arzt ein allgemeines Bild über den Gesundheitszustand der Patientin machen, um individuelle Gesundheitsrisiken, die aus der Einnahme der “Pille danach“ erwachsen können, abzuschätzen. Die Patientin wiederum kann bei Unklarheiten Fragen stellen.

Sagen wir es diplomatisch: Die Gespräche zwischen Ärzten und Patienten könnten besser laufen. Selten, dass Patienten Nachfragen stellen. Umso mehr, wenn es um so ein akutes Risiko wie potentielle Schwangerschaft geht. Seltener noch, dass Ärzte sich Zeit nehmen können. Ich weiß aus Erfahrung, dass ich die Nebenwirkungen von Medikamenten, die mir Ärzte verschrieben, in aller Regel aus dem Beipackzettel erfahre.

Nur durch das Beratungsgespräch bleibt die gesundheitliche Vorsorge und die Intimsphäre der Patientinnen ausreichend bewahrt. Denn beim Apothekennotschalter mit Schlitz scheint mir die eher nicht gegeben.

Option 1: Frau muss warten bis zum nächsten Morgen oder geht zur Notaufnahme, sicher seelenruhig, um wahrscheinlich in einem vollen Wartezimmer zu sitzen, bestimmt immer noch total ruhig, danach muss sie sich Fragen stellen lassen, wird untersucht und kriegt erst dann endlich das Rezept, das sie (im Notaufnahmen-Beispiel im übrigen immer noch am Apothekennotschalter, den Spahn so ungern mag), einlösen kann.

Option 2: Shit happens. Schleunigst ab zur Apotheke.

Ich bin da klar für Option 2.

Natürlich stimmt es, dass die “Pille danach“ frühestmöglich nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden muss. Aber muss sie dafür tatsächlich frei in der Apotheke erhältlich sein? Fakt ist, dass in Deutschland im europäischen Vergleich eine überdurchschnittlich hohe Ärzte- wie auch Apothekerdichte besteht. Kurze Wege sowohl zum Apotheker, als auch zum Arzt sind somit möglich.

Nochmal: Die Pille danach muss in der Apotheke rezeptfrei erhältlich sein, weil „frühestmöglich“ nicht Spahns Problem ist, sondern das der Betroffenen. Wer wirklich „frühestmöglich“ auf Nummer sicher gehen will, geht zum gefürchteten „Apothekenschlitz“.

Spahn „vergisst“ im übrigen bei dem Argument einfach, dass Ärzte deutschlandweit nicht gleich gut zu erreichen sind. Stichwort: ostdeutsche Provinz. Dort gibt es einen Mangel an Ärzten. Da mag es durchaus schwierig sein, einen Arzt zu finden. Zusätzlicher Stress in einer ohnehin stressigen Situation.

Versicherte haben bis zum vollendenten 20. Lebensjahr dann Anspruch auf Versorgung mit empfängnisverhütenden Mitteln, wenn sie ärztlich verordnet werden. Sollte die „Pille danach“ rezeptfrei werden, würden die Krankenkassen die Kosten von etwa 20-35 Euro nicht mehr übernehmen. Dies erschwert den Zugang zur „Pille danach“ wohl eher deutlich.

Äh, really? Als Argument gegen die rezeptfreie Pille danach an sich, einfach mal anführen, dass Frauen unter 21 die dann nicht mehr umsonst bekommen könnten? Was soll das mit „bis zum vollendenten [sic] 20. Lebensjahr“ überhaupt? Können wir mal darüber reden? Wenn die Altersgrenze gestrichen würde und Verhütungsmittel damit umsonst erhältlich wären, könnte ich unter Umständen sogar – nee, doch nicht. Hat ja gar nix miteinander zu tun. Ist nur eine Sockenpuppe.

Um ihren Argumenten mehr Nachdruck zu verleihen, wird dann oftmals auf 79 Länder weltweit verwiesen, in denen es die “Pille danach“ rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen gibt. […] Ebenso habe die World Health Organization (WHO) bereits 2004 die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ gefordert. […] Auch in Europa haben 19 Länder die Rezeptplicht für die “Pille danach“ aufgehoben.

Mich überzeugen diese Argumente ehrlich gesagt total. In Europa gibt es genau drei Länder, in denen die Pille danach nicht rezeptfrei ist: Deutschland, Italien, Polen. Diese Argumente sind stärker als Alles, was Spahn zu bieten hat.

Für die Rezeptpflicht in Deutschland spricht lediglich, dass in anderen Ländern „die Arztdichte bei weitem nicht so hoch ist“, als täte das etwas zur Sache oder wäre ein sachlich richtiges Argument (siehe ostdeutsche Provinz).

Danach kommt in dem Artikel nichts Sachliches mehr, nur – und das kann ich euch leider unmöglich ersparen – das hier:

Stutzig machte mich abschließend eine Aussage, die mich bei Twitter mehrfach erreichte: Es wäre für die Frauen “erniedrigend” oder ein “zu großer Aufwand” “jedes Mal” vorher zum Arzt zu müssen. Jedes Mal??? Also, wer die „Pille danach“ für sich tatsächlich zum häufig genutzten Regelinstrument zur Empfängnisverhütung macht, der sollte tatsächlich dringend mal zum Arzt. Denn da gibt es deutlich bessere Möglichkeiten…

(Hervorhebung im Original)

Ah ja. Witzig. Nicht.

Das noch: Frau Dingens vs. #wiesmarties:

Kleiner3 vor fast einem Jahr zum Thema: Die Pille danach und Deutschlands Angst davor.

Es ist eigentlich alles schon gesagt…

Außerdem: Aus anderen Ländern kann man die Pille danach für den Eigenbedarf wohl durchaus legal einführen (Remember: Es gibt überhaupt nur drei europäische Länder, in denen freier Zugang zur Pille danach nicht eine Selbstverständlichkeit wäre!).

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5 Antworten zu “Jens Spahn – CDU-Experte für die Pille danach

  1. Pingback: Links! Trekkie-Keller und Manstruation | Drop the thought

  2. Pingback: Langfristig denken. | Frau Dingens

  3. Ich fand vor allem dieses andere-Länder-Argument so dermaßen schwach. Das hat was so unglaublich arrogantes. Als wäre nur Deutschland in der Lage, eine flächendeckende Gesundheitsvorsorge zu leisten!

    Ich habe es ihm getwittert, aber natürlich keine Antwort bekommen: Auf dem Jakobsweg habe ich die Erfahrung gemacht, dass wir uns da von Spanien echt noch ne Scheibe abschneiden können. Es gibt in jedem größeren Dorf ein „Centro de Salud“, eine Art Notfallklinik, in die jeder einfach reinlatschen kann und behandelt wird. Als ich wegen einer entzündeten Blase abends um 22 Uhr dort aufschlug, wurde ich erstklassig behandelt, bekam Verbandszeug und Salbe und musste davon weder irgendwas bezahlen, noch überhaupt meinen Namen angeben!!! Total unbürokratisch, selbst für Nicht-Spanier!

    Klar sind wir als Industrienation weit oben anzusiedeln, was die medizinische Versorgung betrifft, aber selbst unseren EU-Partnern (außer Italien und Polen) indirekt zu unterstellen, nur aufgrund angeblich fehlender Infrastruktur völlig verantwortungslos angeblich hochgefährliche Medikamente an die Bevölkerung zu verteilen, ist schon echt stark. Außenpolitisch ein absolutes Desaster – oder wäre es zumindest, wenn Herr Spahn denn wichtig genug wäre.

  4. Pingback: Lesezeichen: Ti_Leo zu CDU Experten und die “Pille danach” | Gehirnknoten

  5. „Welchen Wert messen Kritiker eigentlich dem Gespräch zwischen Arzt und Patientin bei?“
    Es ist schon bezeichnend, dass es DER Artzt ist. Aber falls es Jens Spahn noch nicht aufgefallen ist: Der Notfalldienst ist in der Regel eine wildfremde Person zu der keinerlei Vertrauensbasis besteht, der ich nun erzählen muss, dass ich gerade Sex hatte und was denn dabei schief gelaufen ist. Und nu steh ich als reuige Sünderin da und darf um ein Rezept betteln.
    Wenn ich mich mit einem/r Gyn über meine VerhütungsmethodeN unterhalten will nehm ich mir nen Termin bei der Person meines Vertrauens.
    Das einzige Krankenhaus in meinem Landkreis mit Gyn ist übrigens katholisch…

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