Halle (Saale): Pseudokrupp und saurer Regen (mit Video von Halle im Frühjahr 1990) #MeineStadt

Halle (Saale) gilt im Allgemeinen nicht als schöne Stadt. Verständlich, wenn man sich dieses Video von Halle zu DDR-Zeiten und kurz nach der Wende so anschaut.

Ich bin in Halle/Saale (das man seit 1995 korrekterweise wieder „Halle (Saale)“ schreibt) geboren und habe dort bis Mitte der 90er meine Kindheit verbracht. Ich kenne die Stadt also in dem Zustand, der videohai02 so schockierte, als er im Frühjahr 1990, nach einem Besuch in Wernigerode im Harz, noch einen Abstecher nach Halle machte. „Die Stadt war buchstäblich am verfallen.“ Ich war in der Grundschule. Gerade erst war der schulpflichtige Samstag offiziell abgeschafft worden.

Halle ist „Meine Stadt“, wie in „Meine Familie“ – man sucht sie sich nicht aus. Ich möchte heute nicht mehr in Halle wohnen. Aber ich möchte zumindest einmal in einem langen Text davon erzählen.

Viele Dinge im Video kann ich gut in Einklang mit meiner Erinnerung bringen. Alles war grau in Halle zu dieser Zeit. Überall Kohlestaub und Schlimmeres, das Dichtungen zerfraß und alte Statuen. Saurer Regen und Waldsterben. Tchernobyl und Pseudokrupp.

Das war aber nicht nur in Halle so. Viele Städte in der Region schienen nur zu existieren, damit  Arbeiter in den Industrieanlagen Buna und Leuna irgendwo wohnen konnten. Im Schatten dieser riesigen, unfassbar komplex aufgebauten Fabriken mit ihren vielenTanks und Schornsteinen und Rohren, die im Sonnenlicht glänzten, kamen sie immer weiter herunter und wurden immer schwärzer von Ruß und Industrieabgasen. Die Luft roch nach verbranntem Holz und Kohlen, manchmal nach faulen Eiern, manchmal unangenehm süßlich.

Der Putz bröckelte überall von den Fassaden, auch an dem Haus, in dem wir 1990 schon seit ein paar Jahren wohnten. Die erste Wohnung meiner Eltern. Das Haus war ein Altbau, drei Eingänge, die zu je sechs (oder acht?) Wohnungen führten. In fast allen Wohnungen wohnten junge Familien.

Alle Fenster waren blind. Gegenüber vom Haus war ein Krankenhaus mit Park. Die Straße vorm Haus war voller großer Schlaglöcher, weil manchmal Panzer mit lauten Motoren und quietschenden Ketten auf ihr am Haus vorbei fuhren, Richtung Dieselstraße. Einmal ist ein Trabi in die Hauswand gekracht. Beim Fleischer bekam man eine Scheibe Leberkäse geschenkt. Überall gab es Schleichwege und Abkürzungen.

Aus dem Kinderzimmer, das ich mir mit meiner jüngeren Schwester teilte, blickte man auf eine Wiese hinterm Haus, etwas weiter entfernt auf ein Kraftwerk mit hohem Schornstein. Laut war das nur, wenn Dampf abgelassen wurde. Sonst noch Gleise und dicke Rohrleitungen.

Ebenfalls in dieser Richtung und mit dem Fahrrad gut zu erreichen, befand sich der Hufeisensee, in dem wir oft badeten. Ein künstlicher See, entstanden durch den Abbau von Braunkohle und Kies. Mit Pumpen verhinderte man ein Ansteigen des Wasserspiegels, da der See keinen Ablauf besaß. Als 1989 die für die Pumpen zuständige LPG aufgelöst wurde, war damit Schluss. Zur Zeit des Videos war keine der Pumpen im See mehr aktiv. 1997 hat man schließlich einen Abfluss in einen naheliegenden Bach geschaffen. Am Hufeisensee wurden immer mal wieder Leichen gefunden, meist Frauen oder Kinder. Das hab ich mir gemerkt.

Die Masse an leeren, zerfallenden Häuser in dem Video überrascht mich etwas. Sowas fällt einem als Kind wohl nicht so auf. Ich war daran gewöhnt. Ich war ein Altbaukind und Altbauten schätzte man nicht so wie heute. Lieber baute man ganze Neubauviertel und ließ den Rest verfallen oder plante sogar den Abriss, der aber nie umgesetzt wurde. Zumindest eine bestimmte Zeit lang waren stattdessen überall die traurigen Häuser.

Die verbeulten Metalltonnen wurden nach der Wende schnell durch Plastiktonnen ersetzt. Die Kohleöfen in den unsanierten Altbauten blieben länger. So brannten die Tonnen oft. Nicht schlimm, ihr Stellplatz war ummauert, aber die Luft wurde dadurch nicht gerade besser. Außerdem hatte auf einmal jeder ein eigenes Auto.

Zu DDR-Zeiten war es nicht selbstverständlich, ein eigenes Auto zu haben. Man konnte sie nicht einfach kaufen wie heutzutage. Wie fast alles wurden sie einem zugeteilt. Man meldete sein Interesse daran, ein Auto kaufen zu wollen, ganz offiziell an. Die Produktion hinkte der Nachfrage stets hoffnungslos hinterher.

Da man wusste, dass es Jahre dauern würde, ehe man dann auch tatsächlich sein Auto bekam, meldete man schon früh im Leben (wie man vieles früher im Leben tat) für einen PKW an, oft schon zum 18. Geburtstag. Es gab den günstigen Trabant und den etwas luxuriöseren, aber teureren Wartburg. Auf einen Wartburg musste man außerdem länger warten als auf einen Trabant.

Meine Eltern hatten einen Wartburg bestellt. Auf Ausstattung oder Farbe hatte man keinen Einfluss. Wartburg oder Trabant war die einzige Entscheidung, die man vorm Autokauf treffen musste. Es gab auch noch ein paar andere Fabrikate mit Namen wie Lada oder Moskwitsch, aber die spielten eigentlich keine Rolle.

War schließlich ein Auto für einen bereit, musste man direkt den kompletten Kaufpreis bezahlen, Ratenzahlung auf Kredit war nicht möglich. Das war in der Regel aber kein Problem, da man zwischen 12 und 17 Jahre auf den großen Moment hinsparen konnte. Um Arbeitslosigkeit musste man sich auch keine Gedanken machen.

Ein Auto kostete für DDR-Bürger ordentlich Geld (ich las, dass man 1989 bis zu 12000 Mark dafür zahlen musste), war aber eine gute Geldanlage. Zumal man sein Geld nicht in Aktien oder Eigenheim investierte, dafür waren die Mieten auch viel zu niedrig. Wohnen war billig, auch dank massenhaften Wohnungsbaus. Im Schnitt gingen nur 5 Prozent des Einkommens für Miete drauf. Allerdings konnte man sich auch seine Wohnung nicht einfach aussuchen, sie wurde einem zugewiesen.

Familien mit Kindern wurden dabei bevorzugt. Man gründete früh eine Familie. Man beantragte einen Ehekredit, um sich Möbel und was man sonst so braucht, anzuschaffen. Mehrere Kinder wirkten sich dabei positiv aus. Meine Mutter war in der Ausbildung zur Kindergrippenerzieherin und blieb nicht lang daheim. Sie nahm mich einfach mit zur Arbeit. Ich ging in den Kindergarten und danach in Schule und Schulhort.

Ich spielte viel draußen, es gab viele Kinder meines Alters in der Straße. Ich kann mich nicht erinnern, dass es Klettergerüste gegeben hat. Wir spielten im Sandkasten, später auch an Treppengeländern, Wäschestangen und der Stange zum Teppiche klopfen. Aufgestellte halbe Traktorreifen konnte man erklettern oder man versteckte sich darunter. Wir machten hundert Rollen vorwärts auf der Wiese oder spielten Federball.

Meine Eltern haben den bestellten Wartburg nie bekommen. Im Nachhinein waren sie darüber froh. Wie fast alle haben wir nach der Wende sehr schnell ein Auto gekauft, von der Westverwandtschaft zu einem guten Preis. Ein nicht mehr so neuer Toyota Corolla. Meine Eltern wurden nicht über den Tisch gezogen, aber vielen wurden damals überteuerte Schrottkarren verkauft. Das war leicht. Die Menschen waren überwältigt von den Möglichkeiten und verunsichert durch die veränderte Realität.

In der DDR waren Autos im Durchschnitt 12 Jahre alt. Sie wurden von ihren Besitzern gepflegt, was angesichts der langen Wartezeiten verständlich ist und noch aus einem anderen Grund sinnvoll war:

Der Gebrauchtwagenmarkt (oder Schwarzmarkt, die Grenzen sind fließend, gewerblicher Autohandel war komplett verboten) funktionierte in der DDR etwas anders, als wir das kennen. Gebrauchtwagen waren teils deutlich teurer als ein Neuwagen. Die Faustformel war: Kaufpreis des Neuwagens mal zwei, abzüglich 1000 Mark für jedes Jahr der Benutzung.

Ein gut gepflegter Wagen war was wert, sozial und finanziell. Gebraucht war nicht schlechter als neu und nicht weniger wert. Man schraubte viel. Es gab Werkstätten, aber ohne Ersatzteile ging da nichts und wenn man sich ein Ersatzteil selbst besorgt hatte, konnte man die meisten Reparaturen auch gleich selbst vornehmen. Das Besorgen war die eigentliche Leistung. Dinge besorgen können, war ein ganz eigenes Talent. Meine Oma konnte Dinge besorgen, aber das ist eine eigene Geschichte.

Der bundesdeutsche Gebrauchtwagenmarkt war dann sicher eine ziemliche Umstellung für viele DDR-Gewohnte. Es wird verständlicher, wieso soviele DDR-Bürger sich kurz nach der Wende so leicht abzocken ließen.

Es war jetzt plötzlich vieles anders, im Großen und im Kleinen, aber manches blieb genau gleich. Im Video wirkt Halle fast wie ausgestorben, die Menschen sehen verloren aus und lethargisch. Wahrscheinlich war das auch so – Menschen hatten auf den Straßen nichts verloren. Halle war Wohnraum, nicht dafür gemacht, dass Menschen in seinen Straßen flanierten und die Schönheit des Stadtbilds genossen.

Gegen die ständige Wohnungsknappheit hatte man mehrere Neubaugebiete gebaut, das wichtigste davon Halle-Neustadt. Ursprünglich als Stadtteil von Halle geplant, war Ha-Neu ab 1967 eine eigene Stadt mit fast 100.000 Einwohnern, verbunden mit Halle durch eine Hochstraße, die Magistrale. Eine von Beginn an geplante Straßenbahnverbindung zwischen Halle und Halle-Neustart wurde erst viele Jahrzehnte später gebaut.

Meine Eltern sind beide in Neustadt großgeworden, meine Großeltern wohnen bis heute in zwei nebeneinander liegenden Blöcken. Sie wohnen hier seit Neustadt gebaut wurde, also seit den 60ern. Von drei Generationen sind sie, die ursprünglich mal Zugezogenen, die letzten in Halle verbliebenen.

Ringsherum reißt man seit mehreren Jahren mehr und mehr Wohnblöcke ab. Halle-Neustadt soll wieder schön werden. Es ist angesichts des seit vielen Jahren desolaten Zustands schwer zu glauben, aber Neustadt war vor 50 Jahren ein Gebiet, in dem man wohnen wollte.

Die Wohnungen waren modern, die Infrastruktur gut, obwohl die „Sozialistische Stadt der Chemiearbeiter“ nur als „Schlafstadt“ konzipiert wurde.  Alles war in der Nähe: Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Kleingärten, ein Badesee, ein Fußballplatz, Schulen, Gaststätten, eine Post, etc. Die Stadtplaner ließen anfangs sogar Platz für großzügige Grünflächen. In die Altstadt war es auch nicht weit, es fuhren immerhin Busse und S-Bahnen.

Bis wieder Menschen in Neustadt wohnen wollen, ist es ein langer Weg. Die leeren, teils ausgebrannten Skelette von Hochhäusern, die einen noch immer begrüßen, wenn man von Halle nach Neustadt fährt, wirken jedenfalls maximal abschreckend. Die Infrastruktur funktioniert nicht mehr. Die Menschen haben andere Ansprüche. Aber man sucht nach Lösungen, nicht nur in Neustadt.

Noch kurz vor der Wende wurde Silberhöhe gebaut, ein weiteres Neubaugebiet. Zwischen 1990 und 2005 verlor Halle sage und schreibe 80.000 Einwohner, Silberhöhe drei Viertel seiner Bewohner. Niemand wollte mehr in den Neubauten wohnen. Silberhöhe soll jetzt Waldstadt werden. Ungefähr die Hälfte der Häuser wurden oder werden zurückgebaut. Dafür wird ein Stadtwald gepflanzt, die Gegend renaturalisiert.

Einen Stadtwald bräuchten meine Großeltern sicher nicht.

Mein Opa mütterlicherseits hat keinerlei Verständnis für Denkmalschutz. Alte Häuser sollte man durch neue ersetzen. Das wäre bloß vernünftig.

Meine Oma väterlicherseits stört vor allem, dass es kaum noch Ärzte in der Umgebung gibt. Einer der Gründe, warum sie vor vielen Jahren nach Neustadt gezogen ist, war genau diese Nähe zu allem, was der Mensch so braucht. Hier konnte man alt werden.

Alle beide stören die steigenden Mieten, seitdem man ihre Wohnblöcke saniert hat, obwohl die insgesamt immer noch vergleichsweise niedrig sind. Solange sie es können, werden sie Frühling und Sommer in ihren Kleingärten ganz in der Nähe verbringen. Sie haben Gärten in derselben Gartenanlage.

Die Altstadt Halles sieht heute in weiten Teilen wieder ganz ansehnlich aus. Die meiste alte Bausubstanz, die von Zerstörungen während des 2. Weltkriegs größtenteils verschont geblieben war, weil die Hallenser sich ziemlich kampflos ergaben, hat man mittlerweile restauriert, so dass die Innenstadt durchaus schön genannt werden muss und offenbar sogar genug für Touristen zu bieten hat. Immerhin können die in Halle über 1200 Jahre Stadtentwicklung beobachten, gute und schlechte Zeiten.

Selbst der ehemalige Ernst-Thälmann-Platz, lange schon umbenannt in Riebeckplatz, soll heutzutage ziemlich gefahrfrei zu befahren sein. Wir sind irgendwann weggezogen und fast alle anderen auch.

Ich habe nach dem Abitur nochmal eine Zeit lang in Halle gewohnt, aber da war schon vieles ganz anders und ich mit Student sein beschäftigt. Die Altstadt war schon wieder hübsch. Neustadt voll im Niedergang begriffen. Kaum noch etwas erinnerte mich an früher. Die Straße meiner Kindheit ist jetzt schön asphaltiert, die Häuser sind apricot und tiptop saniert.

 Soweit meine Gedanken nach dem Anschauen des Videos von Halle im Jahr 1990. Meine Stadt. Gibt es über Deine Stadt was Spannendes zu erzählen?

 

2 Antworten zu “Halle (Saale): Pseudokrupp und saurer Regen (mit Video von Halle im Frühjahr 1990) #MeineStadt

  1. Interessanter Bericht. ☺

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