Ganz Deutschland hasst Pegida. Mit Recht!

Ich habe einen Artikel gelesen, und er hat mich sehr gestört. Er erschien bei Zeit Online, heißt Ihr hasst uns doch alle und geschrieben hat ihn Jana Hensel.

In erster Linie stört mich, wie dort versucht wird, einen Nebenschauplatz in der Debatte um Rechtsradikalismus und -terrorismus in Ostdeutschland aufzumachen. Durch Pegida, AfD und Co hätte sich in Deutschland nach „Deutschenfeindlichkeit“ (gern benutzt, quasi salonfähig gemacht von Kristina Schröder) nun „Ostdeutschenfeindlichkeit“ breit gemacht, behauptet Hensel.

„Was ich seit zwölf Monaten aber auch erlebe, soll ich das genauso sagen, wie ich es denke?, ist ein Hass auf die Ostdeutschen. Eine Wut und eine Lust auf Unterstellungen, Pauschalisierungen, Spott, Hohn und Verurteilungen, die ich mir so nie hätte vorstellen können.“

Was natürlich ausgedachter Quatsch ist. Allein der Anreißer:

„Wir sollten aufhören, die Mehrheit der Ostdeutschen wegen Pegida in Geiselhaft zu nehmen. So wird aus Deutschland kein modernes, plurales, progressives Land.“

Eine astreine Sockenpuppe, moralinsauer präsentiert. Niemand nimmt alle Ostdeutschen in Geiselhaft, wenn er, wie es aktuell immerhin mal geschieht, den Rassismus und die antidemokratischen Ressentiments kritisiert, die offensichtlich leider im Osten noch häufiger als schon im Westen existieren und die sehr leicht Anschluss an die sogenannte gesellschaftliche Mitte finden, im Osten offenbar leichter als im Westen. Wer könnte die zahlreichen rassistischen Äußerungen auch offizieller Instanzen vergessen? In einem modernen, pluralen, progressiven Land muss das deutlich und von allen Seiten kritisiert werden!

Selbstredend sind nicht alle Ossis offen oder verkappt Nazis. Aber zu viele tragen rassistisches Gedankengut in sich und nicht wenige äußern dieses mittlerweile auch. In einer für mich irritierenden Offenheit. Natürlich geschieht das oft nicht sonderlich reflektiert und dem ist mit guten Argumenten immer wieder beizukommen.

Pegida und Co treffen aber in Ostdeutschland vielerorts auf offene Ohren und gut etablierte und erfahrene Strukturen. Diese beeinflussen gekonnt die „öffentliche Meinung“. Es gibt eine Art Filter Bubble in Ostdeutschland, in Sachsen.

Das hab ich am eigenen Leib erfahren. Die Sprache hat sich verändert, verhärtet. Medienkompetenz ist ein wichtiges Thema. Demokratieverdrossenheit, ein Gefühl der Machtlosigkeit. Angst ist ein Thema, Angst vor Veränderung, Verunsicherung. Menschen, die ich schätze, geben, vermutlich ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, Gerüchte und Lügen rechter Hetzer in den sozialen Medien wieder, weil sie sie für wahr halten. Vielfach widerlegte Lügen, nur dass die Richtigstellung sie nie erreicht hat.

(Neo-)Nazis waren in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung immer ein Problem. Ich zitiere mal aus einem biografischen Entwurf, den ich rumliegen habe, zum Thema Jugend in Erfurt:

„Die späten 90er in Thüringen, in Erfurt, waren von Neonazis und Rassismus geprägt. Neutral mit rechter Meinung war die häufige politische Verortung. An meinem Gymnasium. In meiner Klasse. Eine gemäßigte Sicht. Es gab auch Rechte.“

Links sein, links aussehen, war immer gefährlich; oder treffender noch: Wer nicht rechts aussah, lief immer wieder Gefahr, von Nazis auf die Fresse zu kriegen. „Neutral mit rechter Meinung“ war de facto die Mitte. Anti-Antifa-Aufkleber (vermutlich mit engen Kontakten bis zum sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund, NSU) waren Normalität. Dorffeste waren eigentlich immer in Nazihand. Das wusste man. „Ausländer“ gab es kaum.

Ich weiß noch, wie irritiert ich war, als ich in Bielefeld später erstmals auf „H&M-Linke“, wie man sie dort nannte, traf. Bielefeld wirkte auf mich unglaublich links und alternativ. Kurz darauf erklärte mir Nulipan, dass das einfach modern sei und wenig über politische Gesinnung aussagen würde. Was leider stimmte. Aber im Westen bekam man zumindest nicht für Mode auf die Fresse. Oder jedenfalls seltener. Es besteht jedenfalls noch immer ein relevanter Unterschied.

Rassismus ist nicht auf den Osten Deutschlands beschränkt. Aber er tritt dort besonders offen und menschenfeindlich zu Tage, ganz aktuell. Das muss thematisiert werden, das ist keine Diskriminierung. Artikel, die sich jetzt an angeblicher Ossifeindlichkeit abarbeiten, finde ich kontraproduktiv. Genauso wenig sollte man im Westen Deutschlands das Rassismusproblem relativieren, indem man es zumindest verbal in den Osten verlagert, auf den man mit dem Finger zeigt. Der „Riss“ von dem Hensel schreibt, verläuft eben nicht zwischen Ost und West. Vielleicht sollte man die Entwicklung in Ostdeutschland eher als gesamtgesellschaftliches Frühwarnsystem betrachten. Optimistisch gedeutet.

„In Ostdeutschland brennen Flüchtlingsheime, mehr als anderswo, öfter als anderswo. Aus dem Osten kam der NSU. Das ist die erschreckende Realität, das kann niemand ignorieren, das kann niemand hinnehmen. Das müssen wir gemeinsam bekämpfen.“

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