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Fahrradfahrer protestieren indem sie sich strikt an Verkehrsregeln halten

Die Polizei von San Francisco will zukünftig hart durchgreifen, gegen Fahrradfahrer, die sich nicht an Verkehrsregeln halten. Die Jagd auf Radfahrer, die sich an Autos vorbei schlängeln oder die an Stopschildern nicht halten, ist eröffnet.

„The thing you say you want — every cyclist to stop at every stop sign — you really don’t want that. You’re going to destroy traffic in every neighborhood that has a heavy dose of cyclists.“

Das Zitat ist von Morgan Fitzgibbons, der daraufhin eine Demo veranstaltete, um das zu beweisen. Spontan kamen hunderte Radfahrer zusammen und protestierten, indem sie sich strikt an jede Verkehrsregel hielten. Sie beachteten jedes Stopschild, schlängelten sich nicht mehr zwischen Autos hindurch und bogen nur dann ab, wenn sie auch wirklich an der Reihe waren.

Totales Chaos, der Verkehr kam fast völlig zum Erliegen. Hoffentlich ist das der Polizei von San Francisco eine Lehre. Da sind die Verkehrsregeln wohl etwas realitätsfern. Sicher ist die Polizei besser beraten, sich um wichtigere Dinge zu kümmern als darum, Radfahrer dafür zu bestrafen, dass sie wissen, wie die Dinge laufen.

Irgendwie related: Error-Prone, ein kleines Spiel, das euch direkt im Browser demonstriert, warum es eine ziemlich gute Idee ist, den Straßenverkehr zu automatisieren. Ihr könnt nicht gewinnen. Wenn ihr eingreift, geht’s schief.

 

 

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ti_leos Links der Woche (KW 24)

Was ’ne Woche! Zu spät dran, aber aus Gründen. Trotzdem hin und wieder zum Lesen gekommen. Meine Highlights:

ti_leos-Links-der-Woche-(KW 24)

What is Code? – Gar nicht viele Worte, der Artikel trackt sogar euren Lesefortschritt. Warum wir alle coden können müssen. Ganz großes Kino!

The Riflemaker Dreams of Africa ist einfach ’ne tolle Story. Als solche behandelt sie ein mir zutiefst fremdes Thema, nämlich die Faszination von Waffen und der Jagd, aber so, dass ich es nachvollziehen kann.

Catechism for the End of the World – Kein Sachtext, kein Essay, sondern richtig gute Literatur, inspiriert von Fotografien. Lesen!

Welcome to Nerdopolis, dem feuchten Traum neoliberaler Nerds.

The City Where the Sirens Never Sleep ist von 2008, aber fast jeden Satz will man zitieren, weil er zitierfähig ist. Detroit ist so unfassbar kaputt, ich beobachte das gespannt.

Is Rachel Dolezal Black Just Because She Says She Is? Total komplexes Thema. Einen guten Überblick über die Implikationen des Ganzen gibt Rachel Dolezal and the Trouble with White Womanhood und ist dabei nicht mal besonders lang.

Am 13. Juni 1995 ist „Jagged Little Pill“ von Alanis Morissette erschienen, übrigens nicht ihr Debut. Sie hatte vorher schon zwei andere Alben veröffentlicht, die heute aber kein Mensch mehr kennt. Jagged Little Pill ist ein sehr wichtiges Album, nicht nur für mich. Jagged Little Pill at 20: A Roundtable erklärt genauer, warum das Album so besonders ist; Alanis in Chains erzählt die spannende Geschichte, wie aus Alanis, dem kanadischen Popsternchen aus der Retorte, Alanis Morissette, Stimme einer Generation, werden konnte.

Officer Involved uses databases on police brutality compiled by the Guardian to present the problem in a new way.

„A mysterious little book called Iterating Grace is floating around San Francisco right now.“ Who wrote this amazing, mysterious book satirizing tech startup culture? Kam eigentlich raus, wer handgemalte Ausgaben von The Guardian in London verteilt hat?

Emory Douglas – The Art of the Black Panthers:

Sleeping Bags for Two or One ist ein kurzer, sehr persönlicher Text über den Tod.

Dating-Apps sind knallhartes Business. Funktionieren sie gut, machen sie sich überflüssig: The Dating Business: Love on the Rocks

Ich halte nicht viel von Wohltätigkeit als Problemlöser. The media loves the Gates Foundation. These experts are more skeptical. bestätigt mich darin.

„Without consciousness the mind-body problem would be much less interesting. With consciousness it seems hopeless.“ Philosophie! Auch alt (1974), aber gut. What is it like to be a bat? (pdf) von Thomas Nagel.

Das ist hübsch: The Secret Life of Passwords. Menschen sind schlecht darin, sich Passwörter zu merken. Daher verraten die ziemlich viel über Menschen. Was sagen eure Passwörter über euch aus? Wüsste das tatsächlich gern, bzw. wüsste gern zumindest das System, nach dem ihr vorgeht, denn ein System habt ihr ziemlich sicher.

GamerGate stinkt, aber manchmal vergisst man das Positive angesichts solcher Scheißigkeit. The Legendary Adventures of a Fearless Girl Gamer betrachtet die Sache letztlich genauso, aber aus einer etwas anderen Perspektive.

Noch so ein Aufreger der vergangenen Woche: Tim Hunt’s sexistische Äußerungen über Wissenschaftlerinnen. Das Problem ist aber nicht nur offener Sexismus, sondern auch ein weniger offensichtliches: The unseen women scientists behind Tim Hunt’s Nobel prize.

„102,000 people, 4 million minutes, 67,000 hours, 2,800 days, 400 weeks or 7.5 years worth of data-sharing. Whatever way you look at it, we have the world’s most comprehensive survey of drug use“ – The Global Drug Survey 2015 findings.

Kooperativen – Viel interessanter als Sharing Economy-Quatsch: What’s Next for the World’s Largest Federation of Worker-Owned Co-Ops?

Do things that don’t scale! How Design Thinking Transformed Airbnb from a Failing Startup to a Billion Dollar Business

Schon 6 Jahre her: Hashtag solidarity and the radical kinship of Twitter’s #iranelection. A reminder that as “black boxes” of state violence and police brutality, we are all vulnerable.

„Does the new system, democracy, really work for both sexes in the same way?“- How women survived post-communism (and didn’t laugh)

Tiefe Einblicke in den Kampf um Wählerdaten: The Koch brothers and the Republican Party go to war — with each other.

Design: Mass transit agencies around the world face the same conundrum: How to make what amounts to four straight lines distinctive. – 77 Ways to Design the Letter ‚M‘.

A Clickbait History Of The World

Loblied auf eine Farbe: A brief history of ultramarine.

The humble boltcutter may be the most powerfully symbolic object in Mad Max: Fury Road. Bolzenschneider, keine Schlüssel. Schöne Analyse von Mad Max: Fury Road.

8K- Video auf Youtube: https://youtu.be/sLprVF6d7Ug

The Men’s Rights AVENGERS (MRA) ^^

Halle (Saale): Pseudokrupp und saurer Regen (mit Video von Halle im Frühjahr 1990) #MeineStadt

Halle (Saale) gilt im Allgemeinen nicht als schöne Stadt. Verständlich, wenn man sich dieses Video von Halle zu DDR-Zeiten und kurz nach der Wende so anschaut.

Ich bin in Halle/Saale (das man seit 1995 korrekterweise wieder „Halle (Saale)“ schreibt) geboren und habe dort bis Mitte der 90er meine Kindheit verbracht. Ich kenne die Stadt also in dem Zustand, der videohai02 so schockierte, als er im Frühjahr 1990, nach einem Besuch in Wernigerode im Harz, noch einen Abstecher nach Halle machte. „Die Stadt war buchstäblich am verfallen.“ Ich war in der Grundschule. Gerade erst war der schulpflichtige Samstag offiziell abgeschafft worden.

Halle ist „Meine Stadt“, wie in „Meine Familie“ – man sucht sie sich nicht aus. Ich möchte heute nicht mehr in Halle wohnen. Aber ich möchte zumindest einmal in einem langen Text davon erzählen.

Viele Dinge im Video kann ich gut in Einklang mit meiner Erinnerung bringen. Alles war grau in Halle zu dieser Zeit. Überall Kohlestaub und Schlimmeres, das Dichtungen zerfraß und alte Statuen. Saurer Regen und Waldsterben. Tchernobyl und Pseudokrupp.

Das war aber nicht nur in Halle so. Viele Städte in der Region schienen nur zu existieren, damit  Arbeiter in den Industrieanlagen Buna und Leuna irgendwo wohnen konnten. Im Schatten dieser riesigen, unfassbar komplex aufgebauten Fabriken mit ihren vielenTanks und Schornsteinen und Rohren, die im Sonnenlicht glänzten, kamen sie immer weiter herunter und wurden immer schwärzer von Ruß und Industrieabgasen. Die Luft roch nach verbranntem Holz und Kohlen, manchmal nach faulen Eiern, manchmal unangenehm süßlich.

Der Putz bröckelte überall von den Fassaden, auch an dem Haus, in dem wir 1990 schon seit ein paar Jahren wohnten. Die erste Wohnung meiner Eltern. Das Haus war ein Altbau, drei Eingänge, die zu je sechs (oder acht?) Wohnungen führten. In fast allen Wohnungen wohnten junge Familien.

Alle Fenster waren blind. Gegenüber vom Haus war ein Krankenhaus mit Park. Die Straße vorm Haus war voller großer Schlaglöcher, weil manchmal Panzer mit lauten Motoren und quietschenden Ketten auf ihr am Haus vorbei fuhren, Richtung Dieselstraße. Einmal ist ein Trabi in die Hauswand gekracht. Beim Fleischer bekam man eine Scheibe Leberkäse geschenkt. Überall gab es Schleichwege und Abkürzungen.

Aus dem Kinderzimmer, das ich mir mit meiner jüngeren Schwester teilte, blickte man auf eine Wiese hinterm Haus, etwas weiter entfernt auf ein Kraftwerk mit hohem Schornstein. Laut war das nur, wenn Dampf abgelassen wurde. Sonst noch Gleise und dicke Rohrleitungen.

Ebenfalls in dieser Richtung und mit dem Fahrrad gut zu erreichen, befand sich der Hufeisensee, in dem wir oft badeten. Ein künstlicher See, entstanden durch den Abbau von Braunkohle und Kies. Mit Pumpen verhinderte man ein Ansteigen des Wasserspiegels, da der See keinen Ablauf besaß. Als 1989 die für die Pumpen zuständige LPG aufgelöst wurde, war damit Schluss. Zur Zeit des Videos war keine der Pumpen im See mehr aktiv. 1997 hat man schließlich einen Abfluss in einen naheliegenden Bach geschaffen. Am Hufeisensee wurden immer mal wieder Leichen gefunden, meist Frauen oder Kinder. Das hab ich mir gemerkt.

Die Masse an leeren, zerfallenden Häuser in dem Video überrascht mich etwas. Sowas fällt einem als Kind wohl nicht so auf. Ich war daran gewöhnt. Ich war ein Altbaukind und Altbauten schätzte man nicht so wie heute. Lieber baute man ganze Neubauviertel und ließ den Rest verfallen oder plante sogar den Abriss, der aber nie umgesetzt wurde. Zumindest eine bestimmte Zeit lang waren stattdessen überall die traurigen Häuser.

Die verbeulten Metalltonnen wurden nach der Wende schnell durch Plastiktonnen ersetzt. Die Kohleöfen in den unsanierten Altbauten blieben länger. So brannten die Tonnen oft. Nicht schlimm, ihr Stellplatz war ummauert, aber die Luft wurde dadurch nicht gerade besser. Außerdem hatte auf einmal jeder ein eigenes Auto.

Zu DDR-Zeiten war es nicht selbstverständlich, ein eigenes Auto zu haben. Man konnte sie nicht einfach kaufen wie heutzutage. Wie fast alles wurden sie einem zugeteilt. Man meldete sein Interesse daran, ein Auto kaufen zu wollen, ganz offiziell an. Die Produktion hinkte der Nachfrage stets hoffnungslos hinterher.

Da man wusste, dass es Jahre dauern würde, ehe man dann auch tatsächlich sein Auto bekam, meldete man schon früh im Leben (wie man vieles früher im Leben tat) für einen PKW an, oft schon zum 18. Geburtstag. Es gab den günstigen Trabant und den etwas luxuriöseren, aber teureren Wartburg. Auf einen Wartburg musste man außerdem länger warten als auf einen Trabant.

Meine Eltern hatten einen Wartburg bestellt. Auf Ausstattung oder Farbe hatte man keinen Einfluss. Wartburg oder Trabant war die einzige Entscheidung, die man vorm Autokauf treffen musste. Es gab auch noch ein paar andere Fabrikate mit Namen wie Lada oder Moskwitsch, aber die spielten eigentlich keine Rolle.

War schließlich ein Auto für einen bereit, musste man direkt den kompletten Kaufpreis bezahlen, Ratenzahlung auf Kredit war nicht möglich. Das war in der Regel aber kein Problem, da man zwischen 12 und 17 Jahre auf den großen Moment hinsparen konnte. Um Arbeitslosigkeit musste man sich auch keine Gedanken machen.

Ein Auto kostete für DDR-Bürger ordentlich Geld (ich las, dass man 1989 bis zu 12000 Mark dafür zahlen musste), war aber eine gute Geldanlage. Zumal man sein Geld nicht in Aktien oder Eigenheim investierte, dafür waren die Mieten auch viel zu niedrig. Wohnen war billig, auch dank massenhaften Wohnungsbaus. Im Schnitt gingen nur 5 Prozent des Einkommens für Miete drauf. Allerdings konnte man sich auch seine Wohnung nicht einfach aussuchen, sie wurde einem zugewiesen.

Familien mit Kindern wurden dabei bevorzugt. Man gründete früh eine Familie. Man beantragte einen Ehekredit, um sich Möbel und was man sonst so braucht, anzuschaffen. Mehrere Kinder wirkten sich dabei positiv aus. Meine Mutter war in der Ausbildung zur Kindergrippenerzieherin und blieb nicht lang daheim. Sie nahm mich einfach mit zur Arbeit. Ich ging in den Kindergarten und danach in Schule und Schulhort.

Ich spielte viel draußen, es gab viele Kinder meines Alters in der Straße. Ich kann mich nicht erinnern, dass es Klettergerüste gegeben hat. Wir spielten im Sandkasten, später auch an Treppengeländern, Wäschestangen und der Stange zum Teppiche klopfen. Aufgestellte halbe Traktorreifen konnte man erklettern oder man versteckte sich darunter. Wir machten hundert Rollen vorwärts auf der Wiese oder spielten Federball.

Meine Eltern haben den bestellten Wartburg nie bekommen. Im Nachhinein waren sie darüber froh. Wie fast alle haben wir nach der Wende sehr schnell ein Auto gekauft, von der Westverwandtschaft zu einem guten Preis. Ein nicht mehr so neuer Toyota Corolla. Meine Eltern wurden nicht über den Tisch gezogen, aber vielen wurden damals überteuerte Schrottkarren verkauft. Das war leicht. Die Menschen waren überwältigt von den Möglichkeiten und verunsichert durch die veränderte Realität.

In der DDR waren Autos im Durchschnitt 12 Jahre alt. Sie wurden von ihren Besitzern gepflegt, was angesichts der langen Wartezeiten verständlich ist und noch aus einem anderen Grund sinnvoll war:

Der Gebrauchtwagenmarkt (oder Schwarzmarkt, die Grenzen sind fließend, gewerblicher Autohandel war komplett verboten) funktionierte in der DDR etwas anders, als wir das kennen. Gebrauchtwagen waren teils deutlich teurer als ein Neuwagen. Die Faustformel war: Kaufpreis des Neuwagens mal zwei, abzüglich 1000 Mark für jedes Jahr der Benutzung.

Ein gut gepflegter Wagen war was wert, sozial und finanziell. Gebraucht war nicht schlechter als neu und nicht weniger wert. Man schraubte viel. Es gab Werkstätten, aber ohne Ersatzteile ging da nichts und wenn man sich ein Ersatzteil selbst besorgt hatte, konnte man die meisten Reparaturen auch gleich selbst vornehmen. Das Besorgen war die eigentliche Leistung. Dinge besorgen können, war ein ganz eigenes Talent. Meine Oma konnte Dinge besorgen, aber das ist eine eigene Geschichte.

Der bundesdeutsche Gebrauchtwagenmarkt war dann sicher eine ziemliche Umstellung für viele DDR-Gewohnte. Es wird verständlicher, wieso soviele DDR-Bürger sich kurz nach der Wende so leicht abzocken ließen.

Es war jetzt plötzlich vieles anders, im Großen und im Kleinen, aber manches blieb genau gleich. Im Video wirkt Halle fast wie ausgestorben, die Menschen sehen verloren aus und lethargisch. Wahrscheinlich war das auch so – Menschen hatten auf den Straßen nichts verloren. Halle war Wohnraum, nicht dafür gemacht, dass Menschen in seinen Straßen flanierten und die Schönheit des Stadtbilds genossen.

Gegen die ständige Wohnungsknappheit hatte man mehrere Neubaugebiete gebaut, das wichtigste davon Halle-Neustadt. Ursprünglich als Stadtteil von Halle geplant, war Ha-Neu ab 1967 eine eigene Stadt mit fast 100.000 Einwohnern, verbunden mit Halle durch eine Hochstraße, die Magistrale. Eine von Beginn an geplante Straßenbahnverbindung zwischen Halle und Halle-Neustart wurde erst viele Jahrzehnte später gebaut.

Meine Eltern sind beide in Neustadt großgeworden, meine Großeltern wohnen bis heute in zwei nebeneinander liegenden Blöcken. Sie wohnen hier seit Neustadt gebaut wurde, also seit den 60ern. Von drei Generationen sind sie, die ursprünglich mal Zugezogenen, die letzten in Halle verbliebenen.

Ringsherum reißt man seit mehreren Jahren mehr und mehr Wohnblöcke ab. Halle-Neustadt soll wieder schön werden. Es ist angesichts des seit vielen Jahren desolaten Zustands schwer zu glauben, aber Neustadt war vor 50 Jahren ein Gebiet, in dem man wohnen wollte.

Die Wohnungen waren modern, die Infrastruktur gut, obwohl die „Sozialistische Stadt der Chemiearbeiter“ nur als „Schlafstadt“ konzipiert wurde.  Alles war in der Nähe: Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Kleingärten, ein Badesee, ein Fußballplatz, Schulen, Gaststätten, eine Post, etc. Die Stadtplaner ließen anfangs sogar Platz für großzügige Grünflächen. In die Altstadt war es auch nicht weit, es fuhren immerhin Busse und S-Bahnen.

Bis wieder Menschen in Neustadt wohnen wollen, ist es ein langer Weg. Die leeren, teils ausgebrannten Skelette von Hochhäusern, die einen noch immer begrüßen, wenn man von Halle nach Neustadt fährt, wirken jedenfalls maximal abschreckend. Die Infrastruktur funktioniert nicht mehr. Die Menschen haben andere Ansprüche. Aber man sucht nach Lösungen, nicht nur in Neustadt.

Noch kurz vor der Wende wurde Silberhöhe gebaut, ein weiteres Neubaugebiet. Zwischen 1990 und 2005 verlor Halle sage und schreibe 80.000 Einwohner, Silberhöhe drei Viertel seiner Bewohner. Niemand wollte mehr in den Neubauten wohnen. Silberhöhe soll jetzt Waldstadt werden. Ungefähr die Hälfte der Häuser wurden oder werden zurückgebaut. Dafür wird ein Stadtwald gepflanzt, die Gegend renaturalisiert.

Einen Stadtwald bräuchten meine Großeltern sicher nicht.

Mein Opa mütterlicherseits hat keinerlei Verständnis für Denkmalschutz. Alte Häuser sollte man durch neue ersetzen. Das wäre bloß vernünftig.

Meine Oma väterlicherseits stört vor allem, dass es kaum noch Ärzte in der Umgebung gibt. Einer der Gründe, warum sie vor vielen Jahren nach Neustadt gezogen ist, war genau diese Nähe zu allem, was der Mensch so braucht. Hier konnte man alt werden.

Alle beide stören die steigenden Mieten, seitdem man ihre Wohnblöcke saniert hat, obwohl die insgesamt immer noch vergleichsweise niedrig sind. Solange sie es können, werden sie Frühling und Sommer in ihren Kleingärten ganz in der Nähe verbringen. Sie haben Gärten in derselben Gartenanlage.

Die Altstadt Halles sieht heute in weiten Teilen wieder ganz ansehnlich aus. Die meiste alte Bausubstanz, die von Zerstörungen während des 2. Weltkriegs größtenteils verschont geblieben war, weil die Hallenser sich ziemlich kampflos ergaben, hat man mittlerweile restauriert, so dass die Innenstadt durchaus schön genannt werden muss und offenbar sogar genug für Touristen zu bieten hat. Immerhin können die in Halle über 1200 Jahre Stadtentwicklung beobachten, gute und schlechte Zeiten.

Selbst der ehemalige Ernst-Thälmann-Platz, lange schon umbenannt in Riebeckplatz, soll heutzutage ziemlich gefahrfrei zu befahren sein. Wir sind irgendwann weggezogen und fast alle anderen auch.

Ich habe nach dem Abitur nochmal eine Zeit lang in Halle gewohnt, aber da war schon vieles ganz anders und ich mit Student sein beschäftigt. Die Altstadt war schon wieder hübsch. Neustadt voll im Niedergang begriffen. Kaum noch etwas erinnerte mich an früher. Die Straße meiner Kindheit ist jetzt schön asphaltiert, die Häuser sind apricot und tiptop saniert.

 Soweit meine Gedanken nach dem Anschauen des Videos von Halle im Jahr 1990. Meine Stadt. Gibt es über Deine Stadt was Spannendes zu erzählen?

 

Daniel Crooks: A Garden of Parallel Path

A garden of parallel paths by Daniel Crooks

Ziemlicher Mindfuck. A Garden of Parallel Paths von Daniel Crooks. Der Kurzfilm zeigt Straßen Melbournes, tatsächlich parallel,  aber anders als in unserer Realität, unserem Universum. Tolle Musik auch!

Hmm. Ok, man kann das Video leider nicht einbinden. Nicht so cool.

Los Angeles – The City in Cinema

Ich wollte eigentlich schon immer nach Berlin ziehen. Obwohl ich damals erst zweimal in Berlin war und mich nur an einen Besuch erinnern konnte. Berlin faszinierte mich und da ich die Stadt nicht selbst besuchte, bestand all mein Wissen über Berlin aus dem, was ich mir erlesen und erschauen konnte. (Pop)Kultur. Boris, Kreuzberg, 12 Jahre in der Schule. Berlin Alexanderplatz – nie wirklich gelesen, aber immer auf der Leseliste. Wim Wenders. Christiane F. Und all die anderen Berlingeschichten. Von Kalkbrenner bis zu schlechten Vampirgeschichten.

All die Geschichten ergeben ein ziemlich treffendes Bild. Städte sind sehr verschieden. Da finde ich es nützlich, sich vorher in der Popkultur zu informieren.

Colin Marshall hat im Alleingang versucht, eine Popkultur für Los Angeles zu erschaffen und, vielleicht noch wichtiger: zu erklären. The City in Cinema sind eine Reihe von Video-Essays über die Darstellung der Stadt Los Angeles in populären Filmen. Ich verlinke hier nur ein Video (Blade Runner natürlich), aber ihr müsst selbstverständlich alle Videos schauen, um das komplette Bild zu kriegen. Sowas wünsche ich mir auch für andere Städte und eigentlich sogar für andere Medien.

Bisher gibt es Essays zu 16 Filmen:

Alien Nation (Graham Baker, 1988)
Blade Runner (Ridley Scott, 1982)
Brother (Takeshi Kitano, 2000)
The Crimson Kimono (Samuel Fuller, 1959)
Drive (Nicolas Winding Refn, 2011)
The Driver (Walter Hill, 1978)
Her (Spike Jonze, 2013)
The Killing of a Chinese Bookie (John Cassavetes, 1978)
Kiss Me Deadly (Robert Aldrich, 1955)
The Limey (Steven Soderbergh, 1999)
Model Shop (Jacques Demy, 1969)
Night of the Comet (Thom Eberhardt, 1984)
Repo Man (Alex Cox, 1984)
Southland Tales (Richard Kelly, 2006)
Strange Days (Kathryn Bigelow, 1995)
Timecode (Mike Figgis, 2000)

(via)

 

Ohne Werbung fehlt Tokyo was

Nicolas Damiens Tokyo No Ads; Source: http://www.nicolasdamiens.com/project/tokyo-no-ads/

Nicolas Damiens ist Grafikdesigner. Für sein Projekt Tokyo No Ads hat er sich Fotos von Tokyo vorgenommen und die Werbung daraus entfernt. Dann hat er Tokyo mit Ads und Tokyo ohne Ads zu Gifs zusammengefasst et voila: Es wird sichtbar, wie sehr die Ads zum Stadtbild Tokyos gehören, wieviel sie zur Atmosphäre beitragen. Schönes Ding.

Stadt bricht aus – Kaleidoskop-Modus an

Zeitraffer trifft Kaleidoskop. Ich hab die Dinger geliebt. Meine Oma hatte so ganz billige, aus Pappe. Konnte ich stundenlang angucken. So ähnlich geht es mir mit dem Videoprojekt „Mirror City“ von Michael Shainblum (bis auf die Musik, die gefällt mir weniger).

Im Zeitraffer sieht man schön die Gleichartigkeit der Bewegungen. Menschen, Autos – sie bewegen sich gleichförmig und geordnet. Lichter gehen rhythmisch an und aus. Formen und Gebäude wiederholen sich. Das kombiniert mit Spiegelungen für den Kaleidoskopeffekt wirkt sehr hypnotisch und zugleich wie eine Ode an die Stadt als Lebensraum. Shainblum nennt das „visuelle Stimulation“.

Aufgenommen wurden die Bilder übrigens in Chicago, San Francisco, San Diego, Las Vegas und Los Angeles. Die Herstellung des Videos dauerte viereinhalb Monate.

(via)