Achtung! Piraten! – Barracuda 1. Sklaven & Barracuda 2. Narben

Mir wurden freundlicherweise Rezensionsexemplare von Barracuda #1 (Sklaven) und Barracuda #2 (Narben) aus der Ehapa Comic Collection zur Verfügung gestellt (Danke auch an @quitzi vom Berliner Comicshop Grober Unfug für die Vermittlung), um sie in meinem Blog zu besprechen.

Barracuda Comic Cover
Zuerst ein paar grundlegende Infos: Barracuda ist eine auf drei Bände (á 56 Seiten) ausgelegte französische Comicserie, von der bisher zwei Teile erschienen sind. Erdacht wurde Barracuda von Jean Dufaux (bereits ein alter Hase im Comicgeschäft), der sich, wie er im lesenswerten Vorwort bekennt, bei vielen Piratenstories, von alten Errol Flynn-Filmen bis zu „Pirates Of The Carribean“, bediente, um seine eigene Version einer spannenden Piratengeschichte zu erzählen. Gezeichnet hat „Barracuda“ der Newcomer Jérémy. In Deutschland wird Barracuda in der Ehapa Comic Collection veröffentlicht. Ein Band kostet 13,99€, dafür bekommt der Käufer aber auch ein schön großformatiges Hardcover, so dass die Zeichnungen gut zur Geltung kommen. Zum unterwegs Lesen eignet sich Barracuda dadurch allerdings nicht.

Der titelgebende „Barracuda“ meint keinen Raubfisch und keinen Mensch – nein, Barracuda bezeichnet das Schiff unter der Kontrolle des gefürchteten Kapitäns Blackdog. Dieses spielt zu Beginn von Band 1 eine wichtige Rolle, führt es doch, im Rahmen einer Seeschlacht, alle Protagonisten zusammen und in die Handlung ein. Von zentraler Bedeutung sind hier drei Jugendliche an der Grenze zum Erwachsenenalter: Raffy, Sohn von Kapitän Blackdog, Maria, aus dem reichen Haus Scuebo und Emilio, ein Bediensteter des Hauses Scuebo. Ihre Schicksale sind in Barracuda eng miteinander verwoben.

Schon die düsteren Cover versprechen einen dunklen, blutigen Trip und Barracuda ist wirklich um Einiges brutaler als beispielsweise „Pirates Of The Carribean“. Was sehr gut ist, ich bin nämlich kein großer Fan der überladenen, eher unernsten Filme. Piraten taugen nicht als Role-Models und eine Welt, in der es von Piraten wimmelt, dürfte für niemanden ein Vergnügen sein. Es ist Dufaux und Jérémy hoch anzurechnen, dass sie ihre eigene Stimmung schaffen und die ist nicht von Witzen, sondern dem ständigen Kampf um Reichtum und das eigene Überleben geprägt. Barracuda lässt sich hier am Ehesten mit dem Klassiker „Die Schatzinsel“ vergleichen, einem Buch, das ich in meiner Jugend sehr gemocht habe. Durch hier und da eingestreute historische Begebenheiten wird der Leser in eine Welt zurückversetzt, in der Spanien die Weltmeere befährt und Südseeinseln reinste Sündenpfuhle unter einer strahlenden Sonne sind. Hier ist niemand einfach gut und jeder verbirgt ein dunkles Geheimnis.

In dieser Welt entwickeln sich unsere drei Protagonisten auf ganz verschiedene Art und Weise und im Verlauf der Geschichte wird keiner von ihnen vor Schicksalsschlägen verschont. Widmet sich Band 1 „Sklaven“ noch eher der Einführung der Charaktere, so geht es im zweiten Teil „Narben“ darum, wie sich Raffy, Maria und Emilio angesichts ihrer gefährlichen Umgebung entwickeln. Das ist eine wirkliche Stärke von „Barracuda“. Die Charaktere wandeln sich teils stark, aber es gelingt Dufaux und Jérémy, diese Veränderungen für den Leser nachvollziehbar zu machen, auch wenn er die Entwicklung unter Umständen nicht gutheißen mag. Genretypisch gibt es auch immer wieder Actionszenen, aber diese werden vor allem eingesetzt, um die Charakterentwicklung voran zu treiben. Auch Romantik und Liebeleien kommen nicht zu kurz, Barracuda spielt außerdem ein wenig mit Geschlechterklischees, was ich erfrischend fand.

Jérémys Zeichnungen würde ich als klassisch bezeichnen, sie wirken „europäisch“ und heben sich stilistisch deutlich von US-Importen ab. Die Charaktere lassen sich alle problemlos unterscheiden, die Panels fließen natürlich, der Leser stellt sich nie die Frage, was eigentlich gerade passiert. Dass Jérémy ursprünglich eher im Mangastil zeichnete, merkt man an verschiedenen Stellen noch und das ist gut so. Mal ist es das Charakterdesign, mal ein ungewöhnlicher Blickwinkel – solche Kleinigkeiten verhindern, dass aus „klassisch gezeichnet“ „langweilig“ wird. Jérémys Zeichnungen sind frisch und modern und passen wunderbar zum Setting, auch wenn er sich mit Experimenten zurück hält.

In Band 1: Sklaven ruckelt es erzählerisch manchmal noch etwas. Manchmal fiel es mir schwer, beim ersten Lesen und Betrachten der Handlung zu folgen und mich für die Charaktere zu erwärmen. Spätestens in Band 2:Narben hat die Erzählung dann aber ihr Tempo gefunden, die Charaktere sind eingeführt und man kann nicht mehr aufhören zu lesen. Hat man „Narben“ zu Ende gelesen (was trotz „nur“ 56 Seiten dauert, „Barracuda“ ist sich nicht zu fein, euch eine Menge Text zu liefern), will man am Liebsten direkt wissen, wie die Geschichte von Raffy, Maria und Emilio weiter geht. Leider muss man sich bis dahin noch gedulden, Band 3 ist noch nicht erschienen.

Wer sich für Piraten interessiert, dem kann ich Barracuda bedenkenlos ans Herz legen. Wer sich selbst ein Bild machen will, findet hier eine Leseprobe (deutsch, PDF) .

Wunderkit – Beta gestartet

Kennt ihr Wunderlist? Ein ziemlich tolles Tool, um Aufgaben zu priorisieren. Nutze es auf dem Smartphone zwar nicht sehr häufig, aber bei wichtigen Aufgaben ist es echt hilfreich, zumal wenn man so vergesslich ist wie ich.

Wunderlist wird von 6wunderkinder aus Berlin entwickelt. Die haben jetzt ihr neues Ass aus dem Ärmel gelassen: Wunderkit. Wunderkit verspricht nicht weniger, als eine neue Art, sein Leben zu organisieren. Das ist hoch gegriffen, aber die Beta sieht vielversprechend aus. Alles Wichtige wird sehr unterhaltsam in diesem Video erklärt:

Die sozialen Features klingen ziemlich spannend. Habe Wunderkit jetzt knapp eine Stunde ausprobiert und es sieht toll aus und bedient sich, nach kurzer Eingewöhnung, recht intuitiv. Ich werde es in den nächsten Tagen sicher intensiver testen. Beta-Tester können andere inviten, falls ihr also Lust habt, Wunderkit auch einmal auszuprobieren, hinterlasst einfach eure E-Mail-Adresse in den Kommentaren oder schreibt mir eine PM mit eurer E-Mail-Adresse bei Twitter oder Google+.

Edit: Örx. Invites sind momentan „disabled“. Also vorerst keine Invites von mir.
Edit Nr. 2:Per E-Mail kann man inviten!

The Red Wing – Time is not linear. There is no paradox.

Geschrieben von Jonathan Hickman, gezeichnet von Nick Pitarra und koloriert von Rachelle Rosenberg, ist „The Red Wing“ ein ziemlich cooler Mindfuck. Die Miniserie (4 Hefte) ist bei „Image“ erschienen.

The Red Wing Cover

„The Red Wing #1″ fiel mir sofort aufgrund des coolen Covers auf. Es ist sehr minimalistisch gehalten. Vor einem rein weißen Hintergrund liegt ein zerstörter Helm. Dazu der schwarze „The Red Wing“-Schriftzug und ein Wappen (eine Schlange oder ein Drache, beißt sich selbst in den Schwanz). Das ist alles. Das ist ungewohnt. Mir gefällt’s. Die weiteren Hefte behalten diesen Stil bei.

Auch im Inneren der Hefte ist weiß eine prominente Farbe. Manche Seiten sind genauso aufgebaut wie die Cover (zum Beispiel die mit dem eingangs zitierten Leitspruch „Time is not linear. There is no paradox.“). Weiß, mit schwarzem Text und minimalen grafischen Elementen. Es ist schon ziemlich beeindruckend, wie Pitarra und Rosenberg aufs Papier gebracht haben, was Hickmann sich ausgedacht hat. Die Zeichnungen passen perfekt zum Ton der Erzählung. Wer Schlachten und Explosionen erwartet, wird enttäuscht sein. Die braucht es aber gar nicht, „The Red Wing“ ist auch ohne visuell sehr interessant. Hier hat sich jemand wirklich Gedanken darüber gemacht, wie die Dinge aussehen sollen. Die Designs sind stimmig.

Die Story von „The Red Wing“ spielt in der Zukunft. Die Menschheit befindet sich im Krieg; einem ganz besonderen Krieg. Die Menschen haben eine Möglichkeit entdeckt, durch die Zeiten zu reisen, die sogenannten TAC Fighter, auch als Red Wings bekannt. Diese Raumschiffe (oder Zeitschiffe?) sind speziell ausgestattet, denn Zeitreisen sind gefährlich und unterliegen zahlreichen Limitierungen. Aber sie sind nötig, denn der Gegner der Menschheit, ist ebenfalls zu Zeitreisen in der Lage. Wir begleiten Val und Dom, zwei Rekruten, die lernen sollen, einen TAC Fighter zu fliegen, wie vor ihnen schon ihre Väter.

Die Story spielt in der Vergangenheit, denn hier wird der Krieg geführt und hier ist Doms Vater abgestürzt. Die Story spielt in der Zukunft, denn von dort schickt der geheimnisvolle Gegner immer neue „Harvester“ die die Vergangenheit vernichten, indem sie sie aller Energie berauben.

Ihr seht schon: Das Konzept von „The Red Wing“ ist interessant, aber nicht anspruchslos. Die Zeit in „The Red Wing“ verläuft nicht linear, sie ist viel eher wie eine Scheibe angeordnet. Und diese Scheibe besteht wieder aus vielen Schichten. Und in diesen verschiedenen Zeitebenen kann man sich mithilfe der TAC Fighter in gewissem Rahmen bewegen. Es gibt keine Zeitparadoxien.

Logisch, dass auch „The Red Wing“ nicht linear erzählt wird. Die Handlung springt sehr oft zwischen verschiedenen Zeitebenen, Figuren reisen von einer in die andere, es gibt verschiedene Zukünfte, Gegenwarten und Vergangenheiten. Hickman behält die Zügel immer fest in der Hand. Es ist erstaunlich einfach, seiner komplexen Geschichte zu folgen. Sie zu erfassen ist deutlich schwieriger, aber „The Red Wing“ hat etwas zu erzählen. Über Väter und Söhne, über Fehler und verpasste Chancen. Und über die Zeit, unsere Vorstellung von ihr und wie sie unser Denken und Handeln beeinflusst.

„The Red Wing“ ist ein toller Comic. Hier stimmt einfach alles. Eine spannende Geschichte, illustriert durch tolle Zeichnungen. Lasst euch durch die scheinbar komplizierte Handlung nicht abschrecken und lest diesen Comic. Ihr werdet es nicht bereuen.

Die spinnen, die Sachsen! Eine unendliche Geschichte

Lothar König, den politisch aktiven Pfarrer aus Jena, der sich auf zahlreichen Demonstrationen gegen Nazis positioniert, kennt ihr sicherlich alle. Er war zum Beispiel auch bei der „Freiheit statt Angst 2011″ in Berlin zugegen. Dass König seit einer Antifa-Demo am 19. Februar 2011 in Dresden Stress mit der Dresdner Staatsanwaltschaft hat, die ihm „schweren Landfriedensbruch“ vorwirft, wisst ihr bestimmt ebenfalls. Während dieser Demonstration hat die Polizei in einem bestimmten Gebiet über Stunden zehntausende Handys überwacht, was oft kritisiert wurde, unter Anderem von Sachsens Datenschutzbeauftragtem Andreas Schurig (und wohl auch die Gerichte beschäftigen wird). Für diesen Vorgang hat sich der Begriff „Handygate“ eingebürgert. Die Staatsanwaltschaft Dresden klagt übrigens nicht nur gegen König, sondern auch gegen den Anwalt André Schollbach, der viele der Betroffenen vertritt. Er soll Ermittlungsinterna veröffentlicht haben.

Soweit, so verworren und erschreckend, immerhin drohen König bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Gefängnis dafür, dass er sich in Deutschland aktiv gegen Nazis einsetzt. Das Verhalten der sächsischen Justiz verwundert schon sehr und wirkt alles andere als bürgernah und rechtlich einwandfrei. Mal schauen, wie die Gerichte letztlich entscheiden.

Die Süddeutsche Zeitung hat nun ein weiteres Detail öffentlich gemacht. Offenbar wirft die Staatsanwaltschaft Dresden König auch vor, er hätte dadurch, dass er das Lied „Keine Macht Für Niemand“ der (längst aufgelösten) Protest-Urgesteine „Ton Steine Scherben“ von seinem VW-Bus aus abspielte, zur Gewalt angestachelt. „Ton Steine Scherben“ spielen laut Staatsanwaltschaft Sachsen nämlich „Musik mit aggressiven, anheizenden Rhythmen“. Das ist so absurd, dass man laut loslachen möchte, aber leider ist es dafür zu ernst.

In Sachsen zeigt sich eine sehr unschöne Weltfremdheit der Justiz. Das kann man auch positiv auslegen, immerhin entdecken sie jetzt erst eine politische Band aus den 70ern. Wenn es in dem Tempo weiter geht, werden sie also in etwa 20 Jahren auf Bands wie „Atari Teenage Riot“ und noch einmal 10 Jahre darauf auf „Egotronic“ und Co aufmerksam. Aber ironische Distanz ist unangebracht. Wer auf einer Demo gegen Feinde des Rechtsstaates Präsenz zeigt, wird wegen „schwerem Landfriedensbruch“ angezeigt und nun will man in Sachsen sogar das Abspielen legaler Musik verbieten, die seit Jahrzehnten zum festen Inventar linker Demonstrationen gehört. Der sächsischen Justiz ist anscheinend jedes Mittel recht, ob es rechtstaatlich astrein ist, scheint weniger zu interessieren. Das verstehe wer will.

Zum Schluss nochmal zur Illustration der bööööse Song mit seinen aggressiven und anheizenden Rhythmen.

Downloading Nancy – Death is like sucking pure oxygen

Gestern habe ich mir „Downloading Nancy“ von Regisseur Johan Renck angeschaut. Der Film hatte 2008 auf dem Sundance Festival Weltpremiere. Hier der (englische) Trailer:

„Downloading Nancy“ handelt von Nancy (Maria Bello), einer psychisch kranken Frau in einer unglücklichen Ehe mit dem kalten, gehemmten Alfred (Rufus Sewell). Nancy hat ein ungewöhnliches Verhältnis zu Liebe, Schmerz und Erniedrigung. Da Alfred auf diese Neigungen nicht eingehen kann, nimmt sie online Kontakt zu Louis (Jason Patric) auf, der sie umbringen soll. Aber Louis verliebt sich in Nancy.

Downloading Nancy Film Plakat

Nancy ist ein interessanter, aber auch extrem negativer Charakter. Maria Bello spielt diese einerseits leidende, andererseits apathisch wirkende Figur überzeugend. Ihr stellt Regisseur Johan Renck nun mit Alfred, dem Klotz und Louis, dem Psychopathen, zwei ebenfalls kaputte Charaktere zur Seite. Der Zuschauer erkennt schnell, dass keiner der beiden Männer Nancy wirklich wird helfen können.

Alfred liebt Nancy, aber er kann ihr nicht geben, was sie offenbar braucht. Zwischen Louis und Nancy kommt es mitunter zu kurzen Momenten, in denen sowas wie Nähe, Wärme aufkommt, aber sie resultieren aus Louis’ Sadismus und Nancys Masochismus. Nancy und Louis können sich für kurze Zeit gegenseitig runter ziehen. Mehr bleibt auch ihnen nicht.

Immer wieder wird Nancy in einer Therapiesitzung gezeigt und es wird klar, dass Nancys Probleme sehr ernst sind. Nancy ist nicht einfach unglücklich. Bereits seit ihrer Kindheit hat sie ein seltsames Verhältnis zur Liebe. Für Nancy ist Liebe gleich Schmerz. Wer sie liebt, tut ihr weh. Als Louis ihr einmal andeutet, dass er sich in sie verliebt hat und dass er sie vielleicht doch nicht töten möchte, rastet sie aus, weil sie sich von ihm betrogen fühlt. Die Therapie ist für Nancy keine Hilfe. Beteuerungen, alles würde besser werden, ziehen bei ihr nicht, weil sie nicht möchte, dass etwas anders wird. Sie hat bereits einen Plan: Sie ändert ihr Leben, indem sie es beenden lässt. Das ist ihr letzter Halt.

„Downloading Nancy“ wirft Fragen auf. Was tut man mit einem Menschen, der sich in den Kopf gesetzt hat, sein Leben zu beenden? Kann man jemandem helfen, der keine Hilfe will? Sind Louis oder Alfred Täter oder ebenfalls Opfer? Vielleicht beides?

Ein Problem, das ich mit dem Film habe, liegt darin, dass er keine Antwort gibt, mit der sich etwas anfangen ließe. Der Film ist für ein böses Ende ausgelegt und wird, trotz zahlreicher Schnitte und Zeitebenen konsequent bis dorthin erzählt. Der Zuschauer gibt schnell jede Hoffnung auf. Hier leiden alle, wirklich jeder ist kaputt. Das ist schade. Ein kaputter Charakter wie Nancy könnte, konfrontiert mit „normaleren“ Charakteren, noch mehr Tiefe aufbauen, Kanten zeigen, wirken.

Hier ist vor allem Alfred zu erwähnen. Rufus Sewell spielt gut, aber er spielt einen pedantischen, hilflosen und kalten Mann. Das hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Hätte man stattdessen einen liebevollen, warmen Alfred im Drehbuch gehabt, das Ergebnis wäre dasselbe: Nancy wäre unglücklich, weil sie nicht anders kann. Für die Geschichte wäre das kein Problem. Die Figur Nancy und auch die Aussage des Films, hätte aber profitieren können. Die Funktion des liebenden Gegenübers übernimmt stattdessen Louis, für manche Zuschauer mag das ein schlauer Kniff sein, ich empfinde diese Lösung als schwächer. Man mag Louis seine Liebe sogar abnehmen, aber sie ist noch klein. Mit Alfred verbindet Nancy hingegen ein halbes Leben. Hier lägen Möglichkeiten, scheinbares Glück und inneres Unglück brutalstmöglich aufeinander treffen zu lassen. Die wurden verschenkt.

Insgesamt ist „Downloading Nancy“ ein Film mit guter Besetzung, grundsätzlich interessanter Handlung und simplem, aber sehr gutem Soundtrack. Ich mag Filme, die sich mit der dunklen Seite der menschlichen Psyche beschäftigen, ich scheue mich auch nicht vor verstörenden oder deprimierenden Filmen. Im Gegenteil, ich suche sogar aktiv danach. Vor „Downloading Nancy“ würde ich allerdings trotzdem warnen. Dieser Film lässt einen entweder kalt oder er macht schlechte Laune. Die Frage ist, warum man sich das antun sollte, denn eine Botschaft vermittelt „Downloading Nancy“ nicht. Es sei denn, man erkennt „Es gibt keine Hoffnung“ als Lösung an. Dazu müsste man allerdings den Film gar nicht erst sehen. Empfehlen kann ich „Downloading Nancy“ nur jenen, die dieser Widerspruch nicht stört oder die das Thema wirklich sehr interessiert. Auf mich trifft das, trotz all meiner negativen Anmerkungen, zu.

Deadgirl Review – Wollen wir den Zombie nicht behalten?

„Deadgirl“ von Marcel Sarmiento und Gadi Harel ist ein US-amerikanischer Film aus dem Jahre 2008. Die Story in aller Kürze: Zwei Teenager finden in einem verlassenen Gebäude eine Frauenleiche. Schnell stellen sie fest, dass diese so tot doch nicht ist.

Deadgirl Poster

Hier der offizielle Trailer:

Gerade zu Beginn legt „Deadgirl“ ein enormes Tempo vor. Es vergeht kaum eine Viertelstunde, bis die Jungs die Leiche finden. Sie geraten in Streit darüber, was sie nun tun sollen. Nach 20 Minuten erfahren wir, dass einer der beiden Jungs Sex mit der Leiche hatte und dass diese zwar nicht richtig tot ist, denn sie atmet und ihre Körper ist warm, aber nicht sterben kann. Zum Beweis schießt er ihr in die Brust. Fünf Minuten später ist das Geheimnis kein Geheimnis mehr und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Trotz der schnell voranschreitenden Handlung fühlt sich „Deadgirl“ alles andere als hektisch an. Es ist im Gegenteil in weiten Teilen ein eher ruhiger Film,der nur hin- und wieder durch derbe Szenen schockt. Erinnert mich an „Donnie Darko“. Genau wie der Soundtrack. Musik wird spärlich eingesetzt und bleibt die meiste Zeit im Hintergrund. Wenn sie allerdings mal an prominenter Stelle einsetzt, klingt das wirklich 1:1 wie aus „Donnie Darko“ übernommen. Hier wäre etwas mehr Eigenständigkeit wünschenswert gewesen.

„Deadgirl“ ist ein seltsamer Bastard aus Zombiefilm und Coming-of-age-Geschichte. Der Film ist nicht subtil, auf platte Art und Weise aber ziemlich ambitioniert. Trotzdem fällt es schwer, sich eine große Zielgruppe für „Deadgirl“ vorzustellen. Für beinharte Zombiefans und Gorehounds bietet der Film einfach zu wenig Zombies und Splatter. Wer aber Zombies und ekelhaften Szenen rein gar nichts abgewinnen kann, ist ebenfalls im falschen Film. Ein Vergleich mit George Romeros Frühwerk liegt nahe, wobei „Deadgirl“ dieses Niveau kaum erreicht. Romero-Fans sind die Filmemacher aber mit einiger Sicherheit. Wer sich den Film vor allem anschaut, weil ihn die Message hinter all dem Zombiekram interessiert, wird ebenfalls enttäuscht werden, denn ehrlich: Viel hat der Film nicht zu sagen. Er ist ziemlich zynisch und transportiert fragwürdige Männer- und Frauenbilder. Kaum vorstellbar, dass jemand nach „Deadgirl“ das Gefühl hat, eine tiefere Wahrheit erkannt zu haben.

Die Reviews bei IMDb.com sind eher verhalten. „Deadgirl“ kommt im Schnitt auf 5,9 von 10 Punkten. So schlecht würde ich den Film nicht bewerten. Ich finde ihn durchaus sehenswert. Seinen eigenen Ansprüchen, etwas über den „Horror des Erwachsenwerdens“ mitzuteilen, verfehlt „Deadgirl“ zwar deutlich. Was aber gelingt, ist dem Zombiegenre eine neue Facette hinzuzufügen. Die Idee, sich einen Zombie zu „halten“, ist mir schon mehrmals begegnet, aber nie stand sie so im Mittelpunkt wie in „Deadgirl“. Für Fans des eher nachdenklichen Zombiefilms, die mal eine etwas andere Herangehensweise sehen wollen, spreche ich eine Empfehlung aus.

Schönes Wochenende!!

Dawning – Ein Horrorfilm, der viel der Fantasie überlässt

Gestern habe ich den amerikanischen Horrorthriller „Dawning“ gesehen. Der Film von 2009 wird in der IMDb ziemlich verrissen. Ist er wirklich so schlecht?

Dawning Filmplakat Poster

Regisseur Gregg Holtgrewe wollte offenbar mit kleinem Budget einen gruseligen Film schaffen. Wenig Geld zur Verfügung zu haben, ist nicht zwingend schlecht. Oft macht die Not erfinderisch. So auch im Fall von „Dawning“?

Die Story ist schnell erzählt. Familientreffen in einem abgelegenen Landhaus. Spannungen brechen wieder auf. Plötzlich stürmt ein völlig verstörter und potentiell gefährlicher Unbekannter ins Haus. Die Geschichte bietet noch mehr, aber ich möchte nicht spoilern.

Geschmackssache ist, wie Holtgrewe die Geschichte erzählt, nämlich sehr langsam. Es wird viel geredet, die Konflikte zwischen den Charakteren stehen im Mittelpunkt des Films. Ihrer Reaktion auf Ereignisse gilt Holtgrewes Interesse, nicht den Ereignissen selbst.

Immer wieder werden die schlechten schauspielerischen Leistungen der Darsteller erwähnt. Diesen Punkt kann ich nicht ganz nachvollziehen. Insgesamt schaffen die Schauspieler es, dem Film einen verstörenden Kammerspieltouch zu geben. Das kann an ihrem Unvermögen liegen, für mich funktioniert der Film auf dieser Ebene aber eher wie ein Lynch- oder Shyamalan-Film. Eine gewisse Distanz oder Entfremdung zwischen Zuschauern und Protagonisten trägt zur Verstörung bei.

Kritik ist aber durchaus angebracht. So sind die Familienverhältnisse anfangs tatsächlich verwirrend, man weiß beispielsweise nicht, ob zwei der Protagonisten eigentlich ein Liebespaar oder Geschwister sind. Erst als explizit erwähnt wird, in welchem Verhältnis sie stehen, kann man die beiden einordnen. Das ist natürlich unschön.

Im Film tauchen übersinnliche Elemente auf. Diese werden aber sehr sparsam eingesetzt und machen sich oft nur durch gruselige Geräusche bemerkbar. Die Soundkulisse sowie die Musik von „Dawning“ sind positiv hervorzuheben. Manchmal ist es schwer, zu entscheiden, ob ein bestimmtes Geräusch zum Soundtrack gehört oder nicht. Hier wäre ein sparsamerer Musikeinsatz an bestimmten Stellen wünschenswert gewesen. Ansonsten trägt der Sound aber viel dazu bei, Zuschauer des Films wirklich zu fesseln.

Optisch macht „Dawning“ einen guten Eindruck. Der Film ist stylish, aber auf eine Art, die erkennen lässt, dass der Stil aus der Horrorkramkiste entliehen wurde. Mal erinnert „Dawning“ an „Shining“, mal an „Lost Highway“, der Zuschauer assoziiert oft andere Filme. „Dawning“ ist daher alles als Andere als innovativ, aber als Hommage verstanden, überzeugt er.

Außerdem sieht man dem Film in weiten Teilen nicht an, dass nur wenig Geld zur Verfügung stand. Dieser Trick gelingt durch großzügiges Weglassen unnötigen Ballastes. Fiese Monster, große Knalleffekte – all das gibt es in „Dawning“ nicht. Ich fand das aber eher positiv, denn so muss der Zuschauer sich viele Dinge hinzudenken, vorstellen. Und ehrlich, die gruseligsten Szenen malen wir uns in unserer Fantasie aus.

Zum Ende. Nun ja, es wird teils behauptet, das Ende wäre kein Ende. Das ist nicht wahr. Das Ende ist sogar ziemlich abrupt und macht deutlich, dass hinter der etwas mäandernden, langsamen Erzählung von „Dawning“ ein klares Konzept steht. Die Schwierigkeit ist, dass nicht klar wird, welches Konzept genau. Wer David Lynch kennt, wird damit kein großes Problem haben und sich an den Versuch machen, die Erzählung zu entschlüsseln. Wer einen klassischen Horrorfilm erwartet hat, der hatte mit „Dawning“ wohl durchgehend wenig Spaß und wird vom Ende noch zusätzlich verärgert.

Überhaupt erinnerte mich vieles in „Dawning“ an David Lynchs Filme. Wobei ich nicht sagen würde, dass „Dawning“ auf einem Niveau mit, sagen wir, „Lost Highway“ ist. Das wäre gelogen. Treffender wäre es, sich eine Art „Cabin Fever“ trifft auf „Lost Highway“ vorzustellen.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß. Glaube ich.“ – Das neue Lexikon des Unwissens

Kathrin Passig war so nett, mir ein Exemplar des „Neuen Lexikons des Unwissens“ zu senden. Hab es gestern ausgelesen. Eine Rezension folgt nach dem Bild.

„Das neue Lexikon des Unwissens: Worauf es bisher keine Antwort gibt“ (so der volle Titel) ist sowohl Nachfolgebuch als auch Ergänzung zum „Lexikon des Unwissens“ aus dem Jahr 2007 von Kathrin Passig und Aleks Scholz. Am „Neuen Lexikon des Unwissens“ schrieb zusätzlich Kai Schreiber mit.

Es beschäftigt sich mit Dingen, bei denen wir ziemlich sicher sind, dass wir wenig bis nichts über sie wissen. Das betrifft erstaunlich viele Themen, unter Anderem Zitteraale, den weiblichen Orgasmus, Zeit, Radioaktivität und ironischerweise auch Wissen und Wissenschaft selber. Die Bandbreite ist groß und deckt von Mathematik, Biologie, Medizin bis zur Populärkultur so ziemlich jedes Themengebiet ab. Manches Unwissen ist ziemlich speziell und für Laien unter Umständen eher uninteressant (Wer sich schon mal mit Qualia beschäftigt hat, fühle sich hier ausdrücklich ausgenommen), meistens treffen die Autoren aber auch im zweiten Lexikon Themen, an denen man als Leser ein grundsätzliches Interesse mit bringt und überraschen oder verunsichern einen dann mit neuen interessanten Details. Als Laie mit Allgemeinbildung hat man den meisten Spaß. Man wird zwar mitunter durchaus gefordert, aber insgesamt sind die jeweils etwa zehn Seiten langen Beiträge gut lesbar, weder trocken noch belehrend und werden häufig durch anschauliche Beispiele illustriert. Profis werden angesichts des massentauglichen Niveaus der Texte sicherlich nicht viel Neues über ihr jeweiliges Fachgebiet erfahren, aber die sind schließlich auch nicht die Zielgruppe.

Ist ein Lexikon des Unwissens lehrreich? Die Antwort ist ein klares Ja. Man sollte ein gewisses Faible für Wissen mitbringen, auch scheinbar unnützes. Ist diese Voraussetzung gegeben, ist das „Neue Lexikon des Unwissens“ eine wahre Fundgrube an Informationen. Der Leser lernt neue (oder alte) Theorien kennen und ansatzweise verstehen, wird mit seltsamen „Fakten“ (in Anführungszeichen, weil Fakten auch so eine Sache sind, aber lest einfach selbst, das kommt im Buch vor) konfrontiert und weiß am Ende zumindest etwas mehr darüber, was wir so alles (immer noch) nicht wissen.

Die Texte im „Neuen Lexikon des Unwissens“ sind alphabetisch angeordnet, das Buch muss also nicht von vorn nach hinten komplett gelesen werden, sondern man kann einfach ein Thema, das einen grad interessiert, im Inhaltsverzeichnis auswählen und den entsprechenden Beitrag lesen. Die etwa 290 Seiten sind schnell gelesen, länger als zwei bis drei Tage dürfte die Lektüre kaum dauern.

Insgesamt ist das „Neue Lexikon des Unwissens“ eine unterhaltsame und durchaus lehrreiche Lektüre. Die einzelnen Artikel taugen perfekt zur lockeren Diskussion mit Anderen, nach dem Motto: Wusstest du, dass wir immer noch nicht wissen, warum genau Frauen eigentlich ihr Leben lang Brüste haben?

Ich prangere das an!

Nischenkultur hat Tweets zum Thema „Ich prangere das an“ vertont. Hörenswert (und absichtlich nicht direkt hier eingebunden, sondern nur verlinkt).